Meinung
Kolumne

Vor dem ersten Date ein Antikörpertest?

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Meine wilden Zwanziger: Redakteurin Annabell Behrmann schreibt jede Woche ihre Kolumne im Hamburger Abendblatt.

Meine wilden Zwanziger: Redakteurin Annabell Behrmann schreibt jede Woche ihre Kolumne im Hamburger Abendblatt.

Foto: Thorsten Ahlf

Corona verändert das Paarungsverhalten der jungen Großstädter. Plötzlich ist Spazierengehen im Park wieder angesagt.

Beim Ausflug in den Stadtpark oder an die Alster beobachte ich derzeit wieder vermehrt junge Menschen beim Spazierengehen. Sie sehen aus wie Paare, gehen dafür aber nicht vertraut genug miteinander um. Sie laufen zaghaft neben­einander, nippen an ihren Coffee-to-go-Bechern und unterhalten sich mal mehr, mal weniger angeregt. Ab und zu schnappe ich einzelne Wortfetzen auf, wenn ich an ihnen vorbeilaufe.

Zum Beispiel habe ich kürzlich mitgehört, wie er ihr erklärt hat, was er beruflich macht. Oder sie ihm berichtet hat, an welchen Ort sie zuletzt verreist ist. Das sind Dinge, die der Partner (hoffentlich) von einem wissen sollte. Mit meinem detektivischen Spürsinn bin ich also zu dem Schluss gekommen: Das müssen Dates sein.

Date im Freien: Corona verändert das Paarungsverhalten

Schon im Frühling während des ersten Lockdowns ist mir aufgefallen, wie viele junge Singles sich plötzlich in Parks daten. Logisch: Die üblichen Kennenlernorte wie Restaurants, Cafés oder Kinos hatten genau wie jetzt allesamt geschlossen. Wenn man den Unbekannten nicht gleich zu sich nach Hause einladen wollte, blieben nicht viele andere Möglichkeiten, als sich irgendwo draußen zu treffen. Außerdem ist das Infektionsrisiko an der frischen Luft deutlich geringer. Meine paarungswillige Generation musste ihr Dating-Verhalten zwangsläufig an die Corona-Bedingungen anpassen.

Weil ich noch nie im Tinder-Zirkus mitgespielt habe, habe ich Single-Freunde über ihre aktuellen Paarungsaktivitäten ausgequetscht. „Jetzt habe ich endlich eine gute Ausrede, mich mit niemandem mehr treffen zu müssen“, scherzte eine Freundin (25). Wenn überhaupt, geht sie mit ihren Dates spazieren. Doch bereits die Begrüßung stellt sie vor eine Herausforderung. Sie umarmt derzeit aus Angst, sich und andere anzustecken, nicht einmal ihre Freunde. Warum dann einen wildfremden Typen? Dadurch starten die Verabredungen bereits mit einem krampfigen Winken.

Erst Tinder – dann bloß Spaziergang im Park

Ein Kumpel (27), kein Kind von Traurigkeit, trifft sich nur noch ausgewählt mit Frauen, für die er sich ernsthaft interessiert. Vor Corona datete er willkürlich. Da galt eher die Faustregel: Masse statt Klasse. Jetzt überlegt er sich genau, welche Bekanntschaft das Risiko wert ist, sich möglicherweise mit Corona zu infizieren. Auf Nähe möchte er trotz allem nicht verzichten.

Und ein drittes Beispiel: Ein Bekannter (32), seit Mai Single, hat seine Tinder-Perle erst ausgefragt, wie sie mit den Corona-Regeln umgeht und wie viele Menschen sie aktuell trifft, ehe er sich mit ihr für die ersten drei Dates auf Abstand zum Spazierengehen im Park verabredet hat. „Meine 90-jährige Großmutter wohnt bei meinen Eltern. Ich möchte sie auf keinen Fall gefährden“, sagt er. Freunde von ihm hätten hingegen aus Langeweile so viel getindert und sich getroffen wie noch nie. „Ich finde, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“

Parship-Umfrage zum Dating in Corona-Zeiten

Das sind nur drei junge Menschen, die exemplarisch dafür stehen, wie Dating im Pandemie-Jahr 2020 aussieht. Offensichtlich liege ich mit meiner Beobachtung nicht so verkehrt, dass Parks die neuen Kennenlern-Hotspots sind. Das belegt auch eine Umfrage von Parship mit mehr als 3700 Singles: 62 Prozent von ihnen wollen sich auf einen Spaziergang an der frischen Luft treffen. Neun Prozent verzichten ganz auf Verabredungen. Für drei Prozent ist eine installierte Corona-Warn-App Voraussetzung, lediglich ein Prozent würde sich am liebsten einen Antikörpertest vorlegen lassen, der beweist, dass der potenzielle Partner schon mit einer Corona-Erkrankung durch ist.

Dating-Portale sind auf schnelle, unkomplizierte Treffen ausgelegt. Das widerspricht komplett den Vorgaben, wie wir uns in einer Pandemie verhalten sollen. Deshalb hat Tinder zu Beginn der Krise aufgerufen, sich nur virtuell zu treffen. In der Tat konnte die Plattform feststellen, dass die User mehr miteinander chatten als vorher. Sonst sind Gespräche meist kurz ausgefallen, man ist schneller zur Sache gekommen. Erst kürzlich hat Tinder eine neue Video-Chat-Funktion integriert.

Auch die Dating-App Bumble hat ihr Marketing den Gegebenheiten angepasst. Wer mit der U-Bahn durch Hamburg fährt, entdeckt große Plakate in den Schächten mit, wie ich finde, sehr originellen Werbesprüchen: „Liebe passiert, wenn man am wenigsten damit rechnet. Zum Beispiel 2020.“ Oder: „Daten mag jetzt anders sein. Nur Verlieben ist so wie immer.“ Und mein persönlicher Favorit: „Dein Park oder mein Park?“

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