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Frauenfußball-Anfänge: FC United Strumpfhose

Redakteurin Iris Mydlach.Foto: MARK SANDTEN / FUNKE Foto Services

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Vor 50 Jahren erlaubte der DFB den Frauenfußball. Doch die Sportlerinnen mussten lange Jahre für ihre Leidenschaft kämpfen.

Hamburg. Natürlich kann man das erst einmal lustig finden, das klingt ja auch wirklich zum Schießen – die Namen der Frauenteams, die sich Ende der 60er-Jahre in Hamburg zusammenfanden, um etwas zu tun, was allen Männern der Stadt seit je vergönnt war: Fußball zu spielen. Sie nannten sich „Eintracht Kopftuch“ oder „FC United Strumpfhose“. Aber wie das oft ist mit den Dingen, die auf den ersten Blick lustig wirken – sie sind nicht immer lustig gemeint. Im Fall von FC United Strumpfhose steckte hinter dem Namen auch eine ganze Menge Wut.

Wut auf einen Beschluss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der den Frauen 1955 offiziell das Fußballspielen verbot – 15 Jahre hatte dieses Unrecht Bestand. Bis die Herren des DFB am 31. Oktober 1970 auf einem Verbandstag in Travemünde seufzend beschlossen, Frauenfußball dann doch in die Satzung aufzunehmen.

50 Jahre Frauenfußball in Deutschland – eine Erfolgsgeschichte

Und natürlich gehört dieses Jubil­äum gefeiert. 50 Jahre Frauenfußball in Deutschland, das ist eine Erfolgsgeschichte, und es ist wichtig, dass sie erzählt wird. Aber sie richtet den Blick nicht wirklich auf das, was in all den Jahren zuvor passiert war. In denen Frauen beleidigt, bespuckt und gedemütigt wurden – dafür, dass sie auf einem Fußballplatz ein Spiel austragen wollten.

Helga Nell ist so eine Frau gewesen. Sie gehörte zu der legendären Ruhrpott-Mannschaft, die in den 50er-Jahren Tausende in die Stadien zog und sogar Länderspiele austrug – inoffizielle, versteht sich. 18.000 Zuschauer sahen am 23. September 1956 im Essener Mathias-Stinnes-Stadion das erste Länderspiel einer deutschen Frauen-Nationalmannschaft.

Die Jahre nach dem Wunder von Bern

Als ich Helga Nell vor ein paar Jahren fragte, wie sie als Mädchen zum Fußball kam, da war ihre Antwort so einfach wie schön: „Wir haben immer Fußball gespielt, es waren doch die Jahre nach dem Wunder von Bern. Ich war 16 und hatte nur Fußball im Kopf. Hauptsache, hinterm Ball her, dann war ich glücklich.“

Helga Nell, die damals noch Tönnies hieß, schuftete als junges Mädchen in einer Brauerei, zweimal in der Woche lief sie nach der Arbeit zu Fuß zum Training, „das Geld für die Straßenbahn hatten wir nicht“, erzählte sie mir. Alles für ihre Leidenschaft. Und dann sollte es wieder ein Länderspiel geben, mit Nationalhymne und Adler auf der Brust: im März 1957, im Münchner Dante-Stadion. „Da wollte ich unbedingt mit. Aber mein Meister damals, das war ein richtiger Nazi, Frauen hasste der. Natürlich hatte der mir nicht freigegeben. Da habe ich dann persönlich beim Braumeister vorgesprochen. Und wissen Sie was? Der meinte: Mädchen, da musst du hin. Später hab ich die Quittung dafür bekommen. Ich durfte wochenlang in der Malzabfüllung schuften. Da kommt das Bier heiß in die Flaschen, die Hände platzen dir auf, du stehst den ganzen Tag in der Hitze ...“

Auch eine Entschuldigung seitens des DFB hätte gutgetan

Die Geschichte von Helga Nell ist es nicht, die im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund erzählt wird. Genauso wenig wie die der Hamburgerin Lidiko Vaszil, eine von 40 jungen Frauen, die 1955 voller Euphorie den ersten Hamburger Damenfußballclub gründeten. Was weit über die Grenzen der Stadt hinweg für Wirbel sorgte.

Dafür haben sie Lotte Specht eine Vitrine gewidmet, die 1930 in Frankfurt den „Damen-Fußball-Club“ ins Leben gerufen hatte, per Zeitungsannonce. Und der englischen Feministin Nettie Honeyball begegnet man, klar. Die hatte sich ja schon 1894 für den Frauenfußball starkgemacht. Aber sonst ...?

… erfährt man leider wenig aus dem Leben all jener Frauen, die über Jahrzehnte unter einem Verbot litten, für das es nie eine Grundlage gab. Die auch gern Fußball-Geschichte geschrieben hätten. Die es genauso geliebt haben, das Hinterm-Ball-her-Gefühl. 50 Jahre Frauenfußball in Deutschland – man hätte das als Chance sehen können, auch die anderen Geschichten zu erzählen, die der Ausgrenzung, der Diskriminierung. Man hätte von Platzverboten berichten können, von abgebrochenen Spielen und Schutzmännern im Strafraum.

Und auch eine Entschuldigung seitens des DFB hätte gutgetan – für einen Fehler, den man 1955 aus welchen Gründen auch immer beging. Welch bessere Gelegenheit kann es dafür geben als einen runden Geburtstag?