Meinung
Die wilden Zwanziger

Ich vermisse meine zweite Familie im Büro

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (28)  ist Redakteurin des  Hamburger Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Ja, ich weiß, viele schwärmen vom Arbeiten im Homeoffice. Und ja, es ist in diesen Zeiten auch nötig. Und doch bin ich traurig.

Hamburg. Homeoffice ist die Entdeckung der Corona-Krise. Was vor einem Jahr noch Ausnahme und Luxus darstellte, ist nun Alltag. Gut 35 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten derzeit von zu Hause, das sind mehr als 14 Millionen Arbeitnehmer. Wo ich auch hinhöre, schwärmen die Menschen vom mobilen Arbeiten. Neulich in einer kleinen Geburtstagsrunde erzählte eine Bekannte, wie praktisch es doch sei, sich erst fünf Minuten vor dem ersten Telefontermin den Wecker zu stellen und das Gespräch mit dem Kunden im Bett zu führen. Ich glaube, sie arbeitet in einer Werbeagentur. Würde ich Interviewpartner mit meiner krächzenden, verschlafen klingenden Guten-Morgen-Stimme begrüßen, würden sie vermutlich wieder auflegen.

Büroräume sind in Pandemie-Zeiten verwaist, die Kaffeemaschine in der Gemeinschaftsküche bleibt still. Kein Lachen, kein Klackern auf den Computertastaturen. In unserem Konferenzraum in der Norderstedter Redaktion sitzen nun Schaufensterpuppen auf den Sofas, die der Chef beim Karstadt-Ausverkauf ergattert hat. Meine Kollegen aus Fleisch und Blut wären mir deutlich lieber.

Besser die Firmen kündigen Büros statt Mitarbeiter

Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit der Frage, wie sinnvoll es ist, Geld in Büroflächen zu stecken, die gar nicht mehr im vollen Umfang genutzt werden. Vodafone etwa will seinen Mitarbeitern auch nach der Pandemie bis zu 90 Prozent das Arbeiten von zu Hause ermöglichen und deshalb Büroflächen verkleinern oder sogar komplett abmieten.

Ganz klar: Besser die Firmen kündigen Büros statt Mitarbeiter. Hier besteht großes Einsparpotenzial. Dennoch: Wenn die Räume erst einmal weg sind, gibt es vorerst kein Zurück mehr. Die Mitarbeiter sind gezwungen, überwiegend in den eigenen vier Wänden zu arbeiten. Das soziale Miteinander im Büro, wie wir es vor der Corona-Krise gewohnt waren, wird es nie wieder geben. Ein Teil wird immer aus dem Homeoffice arbeiten. Keine Zoom-Konferenz kann das gesellige Mittagessen in der Büroküche ersetzen. Den Schnack auf dem Flur. Die persönlichen Kontakte. Gut möglich, dass eine Gemeinschaft auf Distanz auseinanderbricht. Und das ist der Gedanke, der mich am traurigsten macht.

Menschen sind soziale Wesen

Ohne Zweifel: Während die Zahl der Infizierten immer weiter steigt, ist es ein Privileg, seinen Job in seinem sicheren Zuhause erledigen zu dürfen. Ich bin dankbar, in einer Branche zu arbeiten, in der dies möglich ist. Krankenpfleger, Bauarbeiter oder Friseure haben dieses Glück nicht. Gegen ein bis zwei Tage Home­office ist gar nichts einzuwenden. Auch mir gefällt der kurze Arbeitsweg vom Bett an den Esszimmertisch. Doch ich sehe eine Gefahr in der Heimarbeit, die uns länger als Corona begleiten könnte und die bei all der Euphorie um das Homeoffice untergeht: Vereinsamung, ein fehlendes Gemeinschaftsgefühl oder gar eine schlechtere Sozialkompetenz.

In einem Büro treffen so viele unterschiedliche Charaktere aufein­ander. Aus meiner Sicht ist es ein absoluter Gewinn, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich finde es für das Leben wichtig, sich mit extrovertierten und introvertierten Menschen ausein­anderzusetzen, zu reiben und zu arrangieren. Und zwar nicht nur am Computerbildschirm. Menschen sind soziale Wesen.

Der Austausch mit Kollegen ist unverzichtbar

Für mich ist der Austausch mit Kollegen unverzichtbar. Zudem ist es ein großer Unterschied, ob man schon 30 Jahre im Berufsleben hinter sich hat und nun die verbliebene Arbeitszeit bis zur Rente im Homeoffice ausklingen lässt. Wie aber werden Berufseinsteiger künftig eingearbeitet? Müssen sie von Haustür zu Haustür wandern, um ihre Kollegen kennenzulernen? Kann trotz räumlicher Distanz ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entstehen? Ich möchte die Erfahrungen, die ich im Großraumbüro gesammelt habe, jedenfalls nicht mehr missen.

Klar, die Argumente für das mobile Arbeiten leuchten mir ein: Der Wegfall des Arbeitswegs spart Zeit, die man wiederum mit Freunden und Familie verbringen kann. Manch einer ist sicherlich auch froh, seine Kollegen nicht jeden Tag sehen zu müssen. Nicht überall ist das Arbeitsklima nett, es gibt Streit und Mobbing in Büros. Für mich ist mein Team in Norderstedt in den zwei Jahren, die ich nun dort bin, allerdings mehr zu einer zweiten Familie geworden. Vermutlich bin ich deshalb eine Verfechterin der Büroarbeit. Schaufensterpuppen können eben keine Menschen ersetzen.

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