Meinung
Kommentar

Verdächtigungen haben Konjunktur

Birgitta Stauber-Klein

Birgitta Stauber-Klein

Foto: Krauthoefer

Schuld an neuen Ausbrüchen sollen oft diejenigen sein, die nicht in das Raster des gesitteten deutschen Mittelstandes passen.

Vor ein paar Wochen hagelte es Eilmeldungen aus dem beschaulichen Garmisch-Partenkirchen: Eine junge US-Amerikanerin soll trotz positivem Corona-Test heftig feiernd von Kneipe zu Kneipe gezogen sein und so als Superspreader der Stadt einen massiven Ausbruch beschert haben. Die genaue Analyse der Neuinfektionen ergab aber keinen Zusammenhang mit der Infektion der jungen Frau.

Anderer Fall: Im Sommer kam es in Göttingen zu einem Corona-Ausbruch in einem Hochhauskomplex. Schnell war von einer Großfamilie die Rede. Erhärten ließen sich die Vorwürfe nicht. Nun das bayerische Rottal-Inn an der österreichischen Grenze; der aktuelle Super-Hotspot mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 260 Infektionen auf 100.000 Einwohner. Die Grenzgänger sind’s, rufen die bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml und Landrat Michael Fahmüller. Beweise? Fehlanzeige.

Deutschland ist bislang relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen

Fällt was auf? Es sind die anderen, die schuld sein sollen an neuen Ausbrüchen. Diejenigen, die nicht in das Raster des gesitteten deutschen Mittelstandes passen. Einer sachlichen Überprüfung halten diese diffusen Verdächtigungen selten stand.

Tatsache ist: In einer freien, weltoffenen und multikulturellen Gesellschaft, die schließlich Deutschland ausmacht, gibt es viele Gelegenheiten, sich anzustecken. Dennoch ist Deutschland bislang relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen. Das ist sicher der Disziplin der Menschen im Land zu verdanken. Schuldzuweisungen hingegen helfen nicht. Denn wer immer nur auf der Suche nach Schuldigen ist, gerät schnell in eine Art Hexenjagd. Das gefährdet die friedliche Nachbarschaft zwischen Ländern, Kommunen und jedem Einzelnen. Im Kampf gegen die Pandemie ist der kritische Blick auf sich selbst der effektivste Schutz.