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Die Demokratieverächter im Silicon Valley

Hajo Schumacher über Panik bei Facebook, Instagram & Co. vor der US-Wahl.

Hajo Schumacher über Panik bei Facebook, Instagram & Co. vor der US-Wahl.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Wie sehr reiche und sehr bizarre Digital-Fürsten versucht haben, mithilfe von Donald Trump das liberale Amerika zu zerstören.

Hamburg. Merkwürdige Dinge geschehen in den Wochen vor der US-Wahl. Plötzlich und unerwartet löschen Facebook und seine Tochter Instagram die Konten rechter Märchenvereine. Wie kann das sein?

Jahrelang hatte Konzernchef Mark Zuckerberg erklärt, dass das Verbreiten hetzerischer Lügen vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sei. Besonders wüst wütete die QAnon-Sekte, die mit ihrem Raunen von einer Verschwörung liberaler Eliten weltweit Zulauf gewann, auch von deutschen Kreuz- und Querdenkern. Botschaft: Nur Donald Trump kann die Welt retten.

Die Untergangsprophezeiungen im Zeichen des Q erweisen sich als ähnlich unzutreffend wie Nostradamus’ wolkige Prognosen. Warum aber werden die Spinner ausgerechnet jetzt entfernt? Warum verzichtet Facebook auf den regen Datenstrom der Rechten, der weit mehr Umsatz garantiert als Katzenbilder? Warum bricht erst angesichts der erwartbaren Niederlage von US-Präsident Trump das Löschfieber aus? Und: Was ist mit der Meinungsfreiheit? Panik?

Joch der Demokratie

Vor vielen Jahren hatten im Silicon Valley ein paar sehr reiche und sehr bizarre Herrschaften einen Plan geschmiedet: im Schatten der Bühnenshow von Marionette Trump mit digitalen Mitteln die US-Demokratie töten. Viele Vertreter der Tech-Branche hängen dem Solutionismus an, sind also überzeugt, dass nur Technik die Menschheit von ihren ökonomischen, sozialen, gesundheitlichen, psychischen Sorgen befreien kann, vor allem aber vom Joch der Demokratie, die im Silicon Valley seit Langem als überholtes Betriebssystem gilt.

Ein erklärter Demokratieverächter ist Peter Thiel, ein in Frankfurt/Main geborener Digital-Veteran. Als einer der ersten Facebook-Investoren sitzt Thiel neben Mark Zuckerberg im Aufsichtsrat des Weltkonzerns. PayPal-Mitgründer und Milliardär Thiel unterstützte den ersten Wahlkampf von Donald Trump mit einer Spende von 1,25 Millionen Dollar.

Der Börsengang seines geheimnisvollen Datenkraken Palantir, der von der CIA groß gemacht worden ist und auch für die Landesregierungen von Hessen und NRW arbeitet, brachte jüngst 17 Milliarden Dollar. Thiel ist bekennender Libertärer, nicht zu verwechseln mit „liberal“. Der Libertarismus pflegt eine darwinistische Weltsicht, die das Prinzip Demokratie wegen ihrer vermeintlichen Political Correctness ebenso ablehnt wie Mainstream-Medien. Sozial orientierte Marktwirtschaften seien beherrscht von der „Kathedrale“, aus der heraus Minderheiten, Frauen, Diskriminierte mit Denk- und Sprechverboten das Entfalten der Marktkräfte verhinderten. Die „Kathedrale“ heißt bei QAnon „Deep State“.

Technologie kann alles

„Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar“, schrieb Thiel 2009. Nur Technologie im Einklang mit quasi-monarchistischem Turbokapitalismus ermögliche es, Grenzen zu verschieben, ob im Cyberspace, im Weltraum oder auf der Erde. Es hieße, Thiels Einfluss zu überschätzen, wenn man ihn zum Superhirn einer Weltverschwörung erklärte. Gleichwohl finden sich Züge des Libertären in Moskau, Polen und Ungarn, bei Trump und Johnson, im Kern in jeder rechtsextremen Gruppierung.

Mit seiner BigData-Bude Palantir arbeitet Thiel für Staaten, Verwaltungen, das Militär. Er träumt von Staaten auf Schiffen, die nach eigenen Regeln funktionieren. Selbst den Glauben an die Endlichkeit menschlichen Lebens hält Thiel für Ideologie. Technologie kann alles, Gott ist ein Stück Code. Und der Mensch entweder Anführer oder Sklave, aber keinesfalls gleich. Für Trumps zweite Amtszeit war alles vorbereitet: Palantir, CIA, Facebook, rechte Radikale und einige Aktivisten mehr würden erstmals in der Geschichte der Menschheit eine Demokratie von innen auflösen und als Digtatur wiederauferstehen lassen.

Lesen Sie nächsten Mittwoch Teil 2: Wie Corona den teuflischen Plan durchkreuzte.

Seine digitalen Abenteuer beschreibt Netzent­decker Hajo Schumacher in seinem neuen Buch „Kein Netz! Geld, Zeit, Laune, Liebe – Wie wir unser wirkliches Leben zurückerobern“ (Eichborn)