Meinung
Leitartikel

Wirtschaft in Not: Zweiter Lockdown wäre fatal

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Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hambuger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hambuger Abendblattes.

Foto: HA

Die Folgen eines zweiten Lockdowns wären für Unternehmen und Selbstständige fatal. Angst und Unsicherheit sind zurück.

Hamburg. Wirtschaftsexperten veranschaulichen die Konjunkturentwicklung gern mithilfe eines Buchstabens. Nach der Rezession, die das Coronavirus und der Lockdown im Frühjahr ausgelöst hatten, waren gleich mehrere im Umlauf: Pessimisten fürchteten eine bittere Rezession (das L); skeptische Beobachter sahen ein längeres, tieferes Tal, bevor der Aufschwung kommt (U); Optimisten hingegen hofften auf das V – dem spektakulären Einbruch sollte die rasche Wiederauferstehung folgen.

Offiziell geht die Regierung noch von einem V aus: 2021 soll die Wirtschaft um 4,4 Prozent wachsen nach einem Einbruch von 5,8 Prozent im laufenden Jahr. Doch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) beginnt zurückzurudern. Die zweite Infektionswelle spült den Optimismus davon. So dürfte ein anderer Buchstabe die Lage treffender beschreiben: Das W – dem Abschwung folgt eine kurze Erholung und dann ein weiterer Rückgang.

Die derzeitige Zuspitzung der Pandemie in Deutschland lässt weitere regional begrenzte Lockdowns wahrscheinlich werden – die ersten Politiker drohen schon mit einem bundesweiten Stillstand. Der wäre nicht nur für die darbende Hotellerie, die Gastronomie und die Kultur verheerend, sondern eine Hiobsbotschaft für die gesamte deutsche Wirtschaft. Angst und Unsicherheit sind zurück, und damit verändert sich die Stimmung quer durch alle Branchen.

Die rasant steigende Zahl von Corona-Fällen belastet die Stimmung

„Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie“, wusste Ludwig Erhard. Insofern waren die Milliardenspritzen der Bundesregierung auch ein Gute-Laune-Programm für die Konjunktur, eine Überbrückungshilfe durch das Tal der Tränen. Die rasant steigende Zahl von Corona-Fällen belastet nun die Stimmung. Immer mehr Menschen, Konsumenten wie Firmenlenkern, dämmert, dass die zweite Welle nicht nur früher kommt und heftiger ausfällt als erwartet, sondern dass die Pandemie sich noch länger hinziehen könnte. Sie trifft eine ohnehin angeschlagene Wirtschaft.

Erschwerend kommt hinzu, dass Covid-19 alle Länder in Europa erfasst hat. Ein bitterer Treppenwitz der Geschichte: Hoffnungsanker der deutschen Wirtschaft ist ausgerechnet China, wo das Virus seinen Anfang nahm. Aber China allein kann Deutschland nicht helfen.

Es muss darum gehen, mit dem Virus weiterzuleben

Ein zweiter Lockdown würde die Wirtschaft härter erwischen als der erste. Viele Firmen wanken. Manche Unternehmer werden sich grundsätzlich die Frage stellen, ob sie die Firma weiterführen sollen. Wer in den vergangenen Monaten von den Rücklagen gelebt hat, dürfte ins Nachdenken kommen. Wer sich auf Kredit in eine bessere Zeit herüberhangeln wollte, erst recht. Die Insolvenzwelle, die aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen bislang verhindert wurde, ist nur aufgeschoben.

Zugleich muss die Brücke, die über das Tal führen soll, länger tragen. Die Verlängerung der Krise erzwingt noch schärfere Sparmaßnahmen in den Firmen: Investitionsentscheidungen werden weiter in die Zukunft vertagt. Es werden mehr Stellen gestrichen und noch mehr Standorte im Hochlohnland Deutschland geschlossen werden. Eine steigende Arbeitslosigkeit, Zahlungsausfälle und Desinvestitionen können den schnellen Aufschwung zunichtemachen.

Für die Politik kommt zur Herausforderung der Pandemiebekämpfung nun die Aufgabe, die Wirtschaft zu stabilisieren. Die aufgeregten Rufe nach dem Lockdown helfen aber nicht weiter – es muss darum gehen, mit dem Virus weiterzuleben. Das bedeutet auch, Prioritäten zu setzen: Schulen und Industrieun- ternehmen beispielsweise sind systemrelevant. Die geltenden Regeln, Vorsicht und Vernunft sind für die kommenden schweren Wochen die richtigen Begleiter. Angst und Hysterie aber bringen uns nicht weiter: Der Selbstmord aus Angst vor dem Tod ist das falsche Konzept.

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