Meinung
Leitartikel

In der Corona-Pandemie geht es um Zeitgewinn

Miguel Sanches, Politik-Korrespondent.

Miguel Sanches, Politik-Korrespondent.

Foto: Reto Klar

Ein Gebot der praktischen Vernunft: Lokale Beschränkungen sind einem landesweiten Lockdown vorzuziehen.

Wer erinnert sich an Mitterteich? Oberpfalz, Bayern. Im März hatte die örtliche Brauerei zum Starkbier eingeladen – zur „Massen-Schluckimpfung“. Bald gab es nichts mehr zu lachen. Deutschlands oberster Stimmungskiller Markus Söder ließ in Mitterteich eine Ausgangssperre verhängen. Lokale Verbote wie in Berchtesgaden gab es schon im Frühjahr.

Bevor das ganze Land zum Hotspot wird, ist es besser, minimalinvasiv vorzugehen. Ein kleinräumiger Ansatz ist kräfteschonend und verhältnismäßig, kurzum: ein Gebot der praktischen Vernunft.

Indes hat die Methode ihre Grenzen. Erfolgversprechend ist sie in Kleinstädten und Landkreisen. Schon einzelne Bezirke in Berlin sind so groß – Pankow wäre in Rheinland-Pfalz die größte Stadt –, dass ihre Isolierung die gesamte Metropole in Mitleidenschaft ziehen würde. Ähnlich ist es im Ruhrgebiet, wo eine Großstadt in die nächste übergeht. Hier stellt sich die Kontrolle eines Lockdowns anders dar als in Berchtesgaden.

Ein Merkel-Zitat zu jeder neuen Phase der Pandemie

Im März, im Juni, im August, zuletzt noch vor ein paar Tagen: Jede neue Phase der Pandemie könnte man mit einem Merkel-Zitat einführen, mit Variationen von „Es ist ernst“, „Nehmen Sie es ernst“, „Jeder Tag zählt“. Sie kaschieren viel Ratlosigkeit. Die Frau, die uns gerade erst „Bitte bleiben Sie zu Hause!“ zurief, riet noch im September zu Urlaub in Deutschland oder Italien. So viel zu den Gewissheiten in der Pandemie.

Man kann sich weder Merkels Einflüsterungen – Bange machen gilt doch – noch den täglichen Zahlen des RKI entziehen. Wenn die Warnungen vor dem Kontrollverlust im Ergebnis helfen, weil die Bürger Kontakte reduzieren, dann ist es gut. Andernfalls werden weitere Lockdowns folgen, lokal, regional, national. Beim Krisenmanagement werden sich die Lauterbachs und Söders durchsetzen, die Wat-mutt-dat-mutt-Fraktion.

Sehnsucht nach Normalität

Eine kollektive Quarantäne würde anders als im Frühjahr ausfallen. Heute würde man nicht so schnell Kitas und Schulen schließen, weil die Kinder nicht besonders gefährdet sind und die Erkrankung mit Covid-19 bei ihnen überwiegend mild verläuft. Heute würde man nicht sofort zum Brachialmittel von Grenzschließungen greifen, weil es mit vielen Härten verbunden wäre und wir im Vergleich zum Frühjahr höhere Testkapazitäten und ein besseres Quarantäneregime haben. Am Ende sind freilich selbst Grenzkontrollen eine Frage des (Bedrohungs-)Gefühls. Wenn Grenzschließungen die Erwartungshaltung bestimmen, wäre es nicht das erste Mal, dass die Politik Stimmungen bedient.

Die stärkste Stimmung von allen ist die Sehnsucht nach Normalität, im Parlament angefangen, das sich in der Pandemie an den Rand drängen ließ. Der Bundestag hat im März dem Gesundheitsminister weitreichende Kompetenzen gegeben. In der Notsituation sollten die Herrschenden durchregieren – und das haben sie dann auch getan.

Das Virus lässt sich nicht ausgrenzen

Das Rad zurückzudrehen ist schwer, argumentativ fast ein Ding der Unmöglichkeit. Erstens sind die Zahlen so schlecht wie im Frühjahr. Zweitens hat sich der Minister nicht einer Amtsanmaßung schuldig gemacht. Wenn jemand etwas überhastet reagiert hat, dann doch eher das Parlament als Jens Spahn.

Im Frühjahr hatte eine Null-Risiko-Strategie noch den Hauch einer Chance, jetzt nicht mehr. Das Virus lässt sich nicht ausgrenzen. Jeden Tag stecken sich weltweit 300.000 Menschen mit Covid-19 an, bisher 40,5 Millionen weltweit. Wir sind aber sieben Milliarden Menschen auf der Welt, das Virus wird erst aufhören, wenn es keinen mehr anstecken kann, weil wir alle immun sind – nach einer Infizierung oder einer Impfung. Das Ziel jedes Lockdowns, ob in Berchtesgaden oder landesweit, ist Zeitgewinn. Das ist schon alles, nach Lage der Dinge: sehr viel.