Meinung
Netzentdecker

Die gefährliche Macht des Gruppendrucks

Hajo Schumacher über „Wutfutter“ aus dem Internet.

Hajo Schumacher über „Wutfutter“ aus dem Internet.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Warum lassen sich vernunftbegabte Menschen von Wut und Unsinn nicht abschrecken? Ein Erklärungs- und Lösungsversuch.

Über Donald Trump ist alles gesagt. Aber über seine Anhänger nicht. Wie kann es sein, dass je nach Umfrage rund ein Drittel der befragten US-Amerikaner in knapp drei Wochen den verhaltensauffälligsten aller Präsidenten im Amt bestätigen will? Sind Millionen Menschen unzurechnungsfähig? Eher unwahrscheinlich.

Was aber treibt Bürger dazu, einen Mann zu wählen, dessen miserablem Corona-Management mehr als 200.000 Menschen zum Opfer fielen und der laut „Washington Post“ seit Amtsantritt mehr als 20.000 Halb- oder Unwahrheiten verbreitete? Die Erklärung: Offenbar wirken im digitalen Paralleluniversum von Twitter, Facebook & Co. ähnliche Mechanismen wie im richtigen Leben, vor allem der seit Schulzeiten allseits bekannte Gruppendruck: Die Lauten geben eine Haltung vor; wer abweicht, wird mit Ausschluss bestraft, auch als Klassenkeile bekannt.

Militante Fußballfans sind sogar bereit, gegen Anhänger eines verfeindeten Vereins grundlos gewalttätig zu werden, weil die Gruppe es verlangt. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist stärker als die Scheu vorm Zuschlagen. Röhrt das Rudel, versteckt sich der Verstand und schaltet die Empathiefunktion ab. In seinem Bestseller „Conformity“ schildert der Jurist und Verhaltensökonom Cass R. Sunstein, wie wenige Wortführer ex­treme Meinungen vorgeben, worauf die Leiseren einstimmen und sich schließlich die gesamte Gruppe in kollektivem Wutgeheul ergeht. Wer traut sich sich da noch Widerworte?

Der Mensch will nicht objektiv informiert werden

Ideologische Treue ist Klebstoff digitaler Stämme, auch wenn sich deren Mitglieder oft nur beim Nicknamen kennen. Die Gewissheit zählt, gegen einen gemeinsamen Gegner zu kämpfen. Der Mensch will eben nicht objektiv informiert werden, sondern sucht sich bewusst jene Faktenschnipsel, die das eigene Denken bestätigen, Zugleich wehrt das Ego alle Informationen ab, die nicht ins Weltbild passen. Insofern ist die scheinbar erratische Twitterei des US-Präsidenten kein Zufallstun, sondern bewusst genutztes Instrument, um seine Anhänger permanent im Empörungsmodus zu halten.

„Wir gegen die“ heißt die Parole, die wirkungsvoller zu sein scheint als Fakten. So umgeht und übertönt Trump den oftmals abwägenden Medienapparat und liefert schneller und emotionaler jenes Wutfutter, das die Fans wiederum hoch motiviert verbreiten. Das digitale Einpeitschen wird derzeit von einem deutschen Vegan-Koch auf dem russischen Dienst Telegram kopiert: Es dauert nicht lang, lässt sich locker aus der Pyjamahose heraus erledigen und sorgt für das permanente Gefühl von Bedrohung.

Immer siegt die erste naheliegende Emotion, das Verschwörerische, Verächtliche, Spaltende. Zentrale Attitüde ist das kollektive Empörtsein. Wo früher ein Schulterzucken genügte, wird heute die Gefühlskanone abgefeuert, gern mit Leer­formeln wie „fassungslos“ oder „geht gar nicht“. Empörung ist heute das, was früher eigenständiges Denken war. Rasches hat Fundiertes ersetzt, Gefühltes das Gewusste verdrängt, bis alle brüllen.

Digitale Stammesbildung

Wie aber kann es sein, dass sich halbwegs vernunftbegabte Menschen auch durch Lügen und Skandale nicht irritieren lassen? Dazu findet sich im Magazin „Political Psychology“ eine frische Studie, die eine dauernde Selbstüberlistung vermuten lässt. So werden Fehltritte des eigenen Anführers zu Angriffen der Gegenseite umgedeutet, nach dem Motto: Die anderen wollen unseren Häuptling beschädigen. Das Resultat: noch mehr Zorn auf den Gegner, noch mehr Loyalität zum eigenen Lager.

In den USA ist dieser Effekt auf beiden Seiten, bei den Pro- und Anti-Trumpisten, zu beobachten; die digitale Stammesbildung treibt die Spaltung der Gesellschaft immer weiter voran. Und was hilft dagegen? Das Verabschieden vom Stammesdruck, emotionaler Abstand, Selberdenken wagen. Spart Zeit, hilft der Laune auf und nützt der Gemeinschaft.

Digitale und andere Themen in Corona-Zeiten behandelt Hajo Schumacher in seinem täglichen Mutmach-Podcast „Wir gegen Corona“.