Meinung
Leitartikel

Corona-Infektionen: Nehmen wir die Lage ernst!

Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die Einschnitte des Senats sind hart, aber berechtigt. Nur so kriegen wir die Pandemie in Griff.

Hamburg macht Ernst mit den neuerlichen Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie. Denn ja, die Lage ist ernst. Schon von diesem Sonnabend an führt die Hansestadt deshalb eine Sperrstunde in Gaststätten ab 23 Uhr ein. Zu Hause darf nur noch mit 15 Personen, außerhalb mit maximal 25 Menschen gefeiert werden. Veranstaltungen in Gebäuden – und wo wären sie bei dieser Witterung noch im Freien möglich? – sind mit höchstens 50 Personen zulässig, wenn es keine Sitzplätze gibt. Oberstufen- sowie Berufsschüler müssen zudem auch im Unterricht künftig Masken tragen. Sie scheinen aufgrund ihres Alters stärker gefährdet als jüngere Kinder.

Es stimmt, diese Einschnitte sind für die Betroffenen und besonders für die ohnehin gebeutelten Gastronomen und Veranstalter sehr hart. Aber wenn es uns nicht gelingt, das Ruder schnell herumzureißen, werden Herbst und Winter für sie und für uns alle umso härter. Deshalb ist es gut, dass der Senat jetzt handelt.

Einschnitte jetzt sollen weitaus härtere Beschränkungen später verhindern

Kaum jemand hätte wohl verstanden, wenn Hamburg wertvolle Zeit im Kampf gegen die schnell steigenden Fallzahlen vertan hätte. Schließlich haben die in dieser Woche von den Ministerpräsidenten der Länder mit der Bundeskanzlerin getroffenen Vereinbarungen für Hamburg ja zunächst überhaupt nichts verändert. Die Maskenpflicht auf einigen Plätzen und Straßen hatte die Hansestadt schon umgesetzt; alle anderen, einschneidenderen Maßnahmen sollten erst ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gelten. Das hätte bedeutet: Die Hansestadt mit einer Inzidenz von zuletzt 42,2 hätte so lange untätig zugewartet, bis die Sieben-Tages-Zahl auf über 50 gestiegen wäre, um erst dann die Maßnahmen in Gang zu setzen. Das hätte kaum Sinn ergeben. Der Senat setzt dem eine andere Logik entgegen: Einschnitte jetzt sollen weitaus härtere Beschränkungen später – und womöglich einen zweiten Lockdown – verhindern.

Dabei versucht Hamburg in dieser „kritischen Phase der Pandemie“ (Bürgermeister Peter Tschentscher), mit den Maßnahmen dort anzusetzen, wo derzeit die meisten Infektionen ihren Ausgang nehmen: bei den Feiern – in der Gastronomie wie zu Hause. Wir alle sollten hoffen, dass dies gelingt – und nicht Gerichte, wie in Berlin in erster Instanz, die verordnete Sperrstunde wieder kippen.

Mindestens ebenso wichtig wie die jetzt angekündigten Einschnitte selbst ist das Signal, das von ihnen ausgeht. Denn es soll auch den letzten (feierlustigen) Bürgern zeigen: Die Lage ist ernst, nehmt sie auch ernst!

Bisher ist Hamburg vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen

Schon im März und April hatte sich gezeigt, wie groß die psychologische Wirkung der Beschränkungen ist. Wenn sie spürbar in unseren Alltag eingreifen, merken wir, dass wir unser Leben im Angesicht der Pandemie derzeit eben nicht ganz normal leben können. Fast automatisch schränken wir uns ein, werden vorsichtiger, gerade im Umgang mit Älteren – oder sollten es zumindest.

Bisher ist Hamburg vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Nach den Skiferien im März als bundesweiter Hotspot gestartet, gelang es nach und nach, die Fallzahlen zu senken. Wir erinnern uns an die Tage im Juni und Anfang Juli, als wir fast schon dachten, die Pandemie läge hinter uns. Zwar steigen die Fallzahlen seit August wieder an, zuletzt kräftig. Wie dynamisch das Infektionsgeschehen ist, zeigt der Rückblick: Seit dem 23. September, vor kaum mehr als drei Wochen, hat sich die Sieben-Tages-Inzidenz glatt verdoppelt. Aber Hamburg steht im Vergleich zu vielen anderen Großstädten wie Berlin, München, Frankfurt, Bremen, Köln, Stuttgart oder Düsseldorf auch derzeit noch relativ gut da. Diesen Vorsprung – also die gewonnene Zeit – gilt es nun zu nutzen.