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Wo bleiben die Fans am Rothenbaum?

Björn Jensen ist Sportredakteur und seit 2001 am Rothenbaum dabei.

Björn Jensen ist Sportredakteur und seit 2001 am Rothenbaum dabei.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Es gibt Weltklassetennis, trotz Corona dürfen Zuschauer kommen – und dennoch sind viele Plätze unbesetzt ... Traut euch!

Hamburg. Der Tennisprofi Jan-Lennard Struff gilt gemeinhin nicht als Stammgast an der Klagemauer. Der 30 Jahre alte Warsteiner hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich in die erweiterte Weltspitze seines Sports durchgeschlagen, weil er beharrlich an sich gearbeitet hat. Auch in der Corona-Zeit zählte Struff zu den Aktivsten, er spielte, wo immer es erlaubt war. Am Dienstagabend jedoch, nach seinem Erstrunden­Aus am Hamburger Rothenbaum, gab er einen Einblick in sein Seelenleben.

„Es ist nicht einfach, mit diesen ganzen Corona-Regeln umzugehen“, sagte er. Wochenlang nur zwischen Hotel und Tennisanlage pendeln zu dürfen und anderen dabei zuzusehen, wie sie die Rückkehr in eine neue Normalität für persönliche Freiheiten nutzten, sei hart. Nun ist Mitleid – und Struffs Aussagen zielten auch mitnichten darauf ab – sicherlich fehl am Platz. Tennisprofis werden, auch wenn es in dieser Ausnahmezeit weniger Preisgeld gibt, um die Turnierveranstalter zu entlasten, noch immer sehr gut bezahlt für die Mühen, die sie auf sich nehmen. Und es sind keine Zeltlager wie in Moria, in denen sie kaserniert werden.

Jan-Lennard Struff sprach jedoch einen Punkt an, der auch in diesen Tagen in Hamburg von Bedeutung ist: „Ich habe mit Tennis auch deshalb angefangen, weil ich die Atmosphäre in einem vollen Stadion liebe. Wir sind alle froh, dass am Rothenbaum Zuschauer zugelassen sind. Aber es ist wichtig, dass die dann auch kommen“, sagte er.

Hochklassiges Teilnehmerfeld

Genau das aber war bisher tatsächlich ein Pro­blem. An keinem der – inklusive des Qualifikationswochenendes – bislang sechs Wettkampftagen wurde die maximal erlaubte Kapazität von 2300 Besuchern ausgeschöpft. Und das, obwohl das Teilnehmerfeld so hochklassig besetzt war wie zuletzt 2008, als Hamburg noch Mastersstatus hatte und die besten Spieler der Welt deshalb teilnahmeverpflichtet waren. Auch das Spätsommerwetter spielte mit, dazu kam die Aussicht, im für zehn Millionen Euro runderneuerten Center Court sitzen zu dürfen.

Die Verlegung vom seit 2009 angestammten Termin im Juli in den September, die wegen Corona nötig wurde, kam spät und kann als Grund dafür herhalten, dass zu wenig Werbung gemacht werden konnte. Die Preise – die günstigste Karte kostete 39 Euro – sind auch erhöht worden. Die Corona-Vorschriften verbieten zudem, dass größere Gruppen auf den Tribünen zusammensitzen dürfen, auch Alkoholausschank ist untersagt. Gemütlichkeit sieht – in den Augen vieler Stammgäste – anders aus.

Und dennoch: Angesichts einer starken Fanbasis, die das Traditionsturnier an der Hallerstraße durch alle Höhen und Tiefen begleitet hat, reichen diese Gründe kaum aus, um zu erklären, warum es nicht möglich sein sollte, pro Tag 2300 Menschen dazu zu bewegen, ein Turnier zu besuchen, das wegen der Wiederzulassung von Zuschauern weltweit im Fokus steht. Man muss deshalb zu dem Schluss kommen, dass die vorherrschenden Pandemie-Regeln viele Menschen abschrecken oder die Sorge vor einer Ansteckung mit Covid-19 groß ist.

Ein besseres Hygienekonzept kann es nicht geben

Beides jedoch, das darf man nach sechs Tagen Beobachtung sagen, ist unbegründet. Die Maske beim Bewegen auf der Anlage zu tragen, ist zumutbar. Am Platz darf sie abgelegt werden. Und ein besseres Hygienekonzept als das, was Turnierdirektorin Sandra Reichel und ihr Team mit den Behörden erarbeitet haben, kann es nicht geben.

Der Ball liegt deshalb nun im Feld der Sportfans. Deren Vertrauen in Sicherheitskonzepte, die in wochenlanger Abstimmung erarbeitet werden, ist ebenso gefragt wie die Bereitschaft, gerade in schwierigen Zeiten Unterstützung zu geben. Den Veranstaltern, die finanzielle Risiken eingehen, und den Protagonisten, die Einschränkungen auf sich nehmen – beide mit dem Ziel, uns, das Publikum, zu unterhalten. Sehr viele Menschen sehnen sich nach einer Rückkehr in eine neue Normalität. Jeder kann dazu beitragen, dass diese nicht so aussieht wie in wirren Forscherköpfen, die in Japan bereits Roboter entwickeln, die ohne Infektionsrisiko anstelle von Menschen im Stadion für Stimmung sorgen sollen.

Unser Kulturressort hat kürzlich dazu aufgerufen, wieder Konzerte, Theater, Kinos zu besuchen. „Traut euch!“, hieß der Slogan. Dem ist nichts hinzuzufügen.