Meinung
Mein Leben in den Zwanzigern

Was tun, wenn der Typ gegenüber keine Maske trägt?

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Von einer unangenehmen Begegnung in der U 1 und der Einsicht, dass manche Menschen einfach ziemlich bescheuert sind.

Hamburg. Die Corona-Zeit hat mich verändert: Innerhalb nur weniger Wochen bin ich von der entspannten, lockeren Frau zur Regel-Fanatikerin mutiert. Mein neues Ich kommt besonders häufig zum Vorschein, wenn ich in die U-Bahn steige. Dann lasse ich erst einmal meinen Blick durch die Sitzreihen schweifen und checke ab, ob auch wirklich jeder Fahrgast seinen Mund-Nasen-Schutz ordnungsgemäß trägt. Die meisten Mitfahrer auf der Linie U 1, das haben meine Beobachtungen der vergangenen Wochen ergeben, halten sich an die Regeln. Natürlich sind immer wieder Leute dazwischen, bei denen die Maske unter dem Kinn hängt oder die Nase herausragt.

Für dieses Problem habe ich meine ganz eigene Lösung entwickelt: Ich starre sie so lange penetrant an, bis sie sich das Stück Stoff von allein über die Nase ziehen. Klappt nicht immer, aber meine Erfolgsquote ist gar nicht mal so übel.

Aber mal im Ernst: Eigentlich finde ich es furchtbar, wenn wir alle anfangen, uns gegenseitig zu maßregeln. Wo kämen wir denn hin, wenn selbst ernannte Hilfssheriffs – und davon hat Corona viele hervorgebracht – in den Straßen pa­trouillieren und ihre Mitmenschen auf ihr Fehlverhalten aufmerksam machen. Dann artet es irgendwann so aus, dass es künftig nach jedem Gang über die rote Fußgängerampel eine Diskussion gibt. Das braucht wirklich niemand. Aber mit Corona ist es etwas anderes. In diesem Fall geht es um unser aller Gesundheit.

Menschen haben große Angst, krank zu werden

Es widerstrebt meinem Gerechtigkeitssinn, dass sich einige Menschen das Sonderrecht herausnehmen, ihre Maske überall, aber nicht auf der Nase zu tragen. Das mag pedantisch klingen. Doch man darf nicht vergessen, dass es jede Menge Menschen da draußen gibt, die große Angst haben, krank zu werden. Wie handelt man richtig bei der Begegnung mit einem Masken-Muffel? Spricht man ihn an? Oder schweigt man besser?

Die Situation kann schnell eskalieren und unangenehm werden. Das habe ich gerade erst am Montag erlebt: Auf dem Rückweg von der Arbeit stieg ein Mann ohne Maske in die U-Bahn, setzte sich mir direkt gegenüber und streckte demonstrativ seine Beine aus. Schätzungsweise war er Mitte 30 – und hatte tierisch Lust zu provozieren. Ein Mann, der auf der Sitzbank nebenan saß, sprang prompt auf ihn an: „Hey, setz deine Maske auf!“ Der Typ dachte gar nicht daran. Und dann ging die Diskussion los.

„Ich komme aus Afghanistan, ich bin Moslem. Ich brauche keine Maske“, sagte er. Daraufhin mischte ich mich ein. Die Worte sprudelten einfach aus mir heraus. Was denn seine Herkunft und Religion damit zu tun hätten, keine Maske tragen zu müssen, fragte ich ihn. „Ich brauche keinen Schutz. Mein Schwanz schützt mich.“ Jetzt wurde es richtig unangenehm. Der Mann, der die Diskussion begonnen hatte, ließ mich mit dem Typen allein und setzte sich weg. Vielen Dank auch. Der Masken-Muffel hingegen stichelte weiter: „Ruft doch die Polizei!“ Dann bin ich aus der Bahn gestiegen.

Situation kann schnell außer Kontrolle geraten

An dieser Stelle hoffe ich, dass möglichst wenige Leser denken: Ach, das ist ja typisch Ausländer. Nein, es gibt genauso bescheuerte Deutsche. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte meinen Mund gehalten. Aber ich kann mir die Frage einfach nicht beantworten, was so schlimm daran ist, in der jetzigen Lage Masken zu tragen. Fühlen sich junge Männer in ihrer Männlichkeit beschnitten? Sie sehe ich besonders häufig ohne Schutz durch die Gegend laufen.

Wie schnell so eine Situation außer Kontrolle geraten kann, beobachtete neulich eine Freundin von mir an der U-Bahn-Station St. Pauli. Ein Mann wies den anderen auf die Maskenpflicht am Bahnsteig hin, dieser schlug ihm daraufhin seine Faust ins Gesicht.

Das Beispiel zeigt: Man sollte sich gut überlegen, wie sehr man auf Recht und Ordnung besteht. Dabei macht wie immer der Ton die Musik. Wer den Masken-Muffel schon genervt anblafft, bekommt garantiert eine entsprechende Antwort zurück. Bei Menschen, die schon auf Streit aus sind und aus welcher Überzeugung auch immer keine Maske tragen, helfen aber auch kein freundliches Lächeln und keine guten Argumente. Aus diesem Grund ist es wohl besser, diesen Leuten so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen – oder sie allein zurückzulassen. Das kommt bei solch einem egoistischen Verhalten nämlich heraus. Es macht auf lange Sicht einsam.