Meinung
Kolumne Sportplatz

Liebe Profis, spielt nicht mit eurer Gesundheit!

Iris Mydlach ist stellvertretende Chefin der Sportredaktion des Hamburger Abendblatts.

Iris Mydlach ist stellvertretende Chefin der Sportredaktion des Hamburger Abendblatts.

Foto: Mark Sandten / Mark Sandten / FUNKE FOTO SERVICES

Die Bundesligasaison 2020/21 wird die Athleten maximal belasten. Haben wir eigentlich gar nichts aus der Corona-Zeit gelernt?

Hamburg. Die Warnungen könnten schärfer nicht sein, und sie kommen derzeit aus allen Ecken. „Wenn wir nicht lernen, besser mit unseren Spielern umzugehen, töten wir dieses wunderschöne Spiel“, sagte Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, Anfang Mai, als man ihn auf die hohe Belastung seiner Spieler ansprach. Was man über englische Teams natürlich immer sagen kann, dachten viele. Die mit ihrer Mini-Winterpause und den beiden Pokalwettbewerben ...

Aber nun hat der englische Meistertrainer Unterstützung bekommen – ausgerechnet aus der sonst so beschaulichen Bundesliga, die am heutigen Freitag mit der Partie FC Bayern München gegen Schalke 04 in ihre 58. Spielzeit geht. Denn auch im deutschen Vereinsfußball wird es wegen der extrem komprimierten Corona-Saison und der EM im kommenden Jahr (11. Juni bis 11. Juli 2021) in dieser Saison nur eine Mini-Winterpause geben.

Saison 2020/2021: Keine war je so vollgepackt

Keine Saison war je so vollgepackt mit Spielen wie diese. Noch am 22. und 23. Dezember finden die Pokalspiele der zweiten Runde statt, schon am 2. und 3. Januar 2021 wird wieder in der Bundesliga gespielt.

Es ist kein Geheimnis, dass Leistungssport nichts ist, was dem Körper in irgendeiner Weise guttut. Auch wenn die Fotos von kerngesunden Biathletinnen in der TV-Werbung das suggerieren sollen. Einen vernünftigen Ausgleich zwischen Be- und Entlastung zu finden ist das, woran Spitzensportler über viele Jahre konsequent scheitern. Scheitern müssen, weil die Wettkampfkalender ihnen keine andere Wahl lassen. Die Corona-Krise, so bitter sie für die Athletinnen und Athleten weltweit war – in mancherlei Hinsicht hatte sie auch etwas Gutes. Zahlreiche Spitzensportler erzählten, wie gut die Pause ihren geschundenen Körpern tat, wie selbst die Psyche zur Ruhe kam.

Joachim Löw mit den nachdenklichsten Tönen

Im deutschen Fußball war es Jogi Löw, der während des Lockdowns die nachdenklichsten Töne anstimmte. „Die Welt hat ein kollektives Burn-out erlebt. Das Tempo, das wir in den vergangenen Jahren vorgegeben haben, war nicht mehr zu toppen. Macht, Gier, Profit, Rekorde standen im Vordergrund“, sagte der Bundestrainer. Und nun?

Trägt ausgerechnet die deutsche Nationalelf in diesem Herbst so viele Länderspiele aus wie nie zuvor – darunter zwei Freundschaftspartien und ein Testspiel, das zu diesem Zeitpunkt nun wirklich niemand braucht. Außer dem DFB natürlich, der lieber die Einnahmen einstreicht, als die Gesundheit der Athleten zu schonen. Dasselbe gilt für die Uefa, die in der (ohnehin schon schwer vermittelbaren) Nations League eine unsinnige Spielrunde nach der anderen anzettelt. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Chance gewesen, tatsächlich die Veränderung zu wagen? Auf Einnahmen zu verzichten und den Fuß noch einmal ein bisschen länger auf der Bremse zu lassen?

Der Fußball und Corona

Die Lehren aus Corona – sie scheinen zumindest im Fußball so gut wie vergessen. Trainer, Manager und Profis selbst sind zu Recht in Sorge um die Gesundheit derer, die in den kommenden Monaten den Preis zahlen sollen für das auf maximalen Profit angelegte Programm der Verbände.

„Wenn du jeden Tag ,on‘ bist, dann bist du halt irgendwann nicht mehr leistungsfähig“, sagte Oliver Glasner, Coach des VfL Wolfsburg. Max Eberl, Sportchef von Borussia Mönchengladbach, spricht unumwunden von einem „Raubbau“ an den Profis. Und Leon Goretzka, Führungsspieler beim Triple-Sieger FC Bayern München, sagte der „Süddeutschen Zeitung“ am Dienstag, dass selbst der Kader des FC Bayern womöglich nicht ausreichen könnte für die Belastungen der kommenden Monate. Die vielen Spiele, die langen Reisen. Okay: Wenn es nicht einmal der Kader des FC Bayern sein soll – ja, welcher denn dann?

Das Finalturnier der Champions League in diesem Frühjahr, dieser zeitlich und auf einen Ort beschränkte Spielmodus, hat gezeigt: Es gibt Alternativen. Die sich nicht nur nachhaltig auf die Umwelt auswirken, weil etliche Flugreisen entfallen. Sondern auch auf die Gesundheit der Sportler. Wir als Zuschauer können nur aufs Beste hoffen.