Meinung
Leitartikel

Corona-Bekämpfung: Alles für die Katz?

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur  des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Reto Klar

Der erfolgreiche Kampf gegen die Corona-Pandemie benötigt Regeln – und die gelten für alle.

Hamburg. Einige, die schon immer das Unheil kommen sahen, werden sich nun bestätigt sehen: Überall steigen die Zahlen der Corona-Infizierten. In Hamburg kamen gestern 46 neue Covid-19-Fälle hinzu, deutschlandweit waren es sogar 2194 Personen. Der Lockerungskurs, den die Politik erst langsam, zuletzt aber durchaus mutig eingeschlagen hat, geht manchen da längst zu weit: Provozieren wir nicht eine zweite Welle? Steigen die Quoten der Neuinfektionen nicht viel zu schnell? Müssen wir nicht endlich die Zügel anziehen und wieder Verschärfungen auf den Weg bringen?

Nein, nein und nochmals nein. Zur Panik besteht kein Anlass: Weiterhin ist die Lage in den Kliniken mit acht Intensivfällen in Hamburg überschaubar. Viele Infektionen werden überhaupt nur deshalb entdeckt, weil mehr getestet wird. Die wirkliche Gefahr ist nicht eine Politik der Lockerungsübungen, sondern nur der allzu lockere Umgang mit den Verordnungen und Regeln. Es hilft nichts, wenn Politik und Mediziner ausgefeilte Pläne erarbeiten, die im Alltag schnell Makulatur sind. Durch eine Pandemie kommt man nicht nur mit Verboten und Verordnungen, sondern vor allem mit Vernunft und Verantwortung.

Corona-Ausbruch in der "Katze": 100 Kontaktdaten wertlos

Natürlich sind die Infektionen in der Schanzen-Bar Katze ärgerlich. Viel ärgerlicher aber ist der leichtsinnige Umgang mit den Corona-Regeln. Von rund 600 Gästen, die an den betreffenden Abenden dort gefeiert haben, sind rund 100 Kontaktdaten wertlos: Die Gäste hatten – in Feierlaune, aus Torheit, vielleicht sogar aus Kalkül – nicht ihre Adressen hinterlassen, sondern Fantasienamen und falsche Nummern angegeben. Vielleicht wähnen sich diese Bibi Blocksbergs, Donald Trumps und Klaus Störtebekers wahnsinnig witzig, für das Corona-Geschehen im Land aber sind sie gefährlich. Wenn 100 Menschen nicht benachrichtigt werden können und sich nicht in Quarantäne begeben, können sie viele weitere in ihrem Umfeld anstecken. Und damit wird die Nachverfolgung für die Gesundheitsämter fast unmöglich.

Möglicherweise haben übereifrige Polizisten, die Kontaktlisten zur Ganovenjagd missbrauchten, dem Vertrauen in die Vertraulichkeit einen Bärendienst erwiesen. Auch die Warnungen der stets besorgten Datenschützer, die selbst in Pandemiezeiten den Datenschutz fast absolut setzen, könnten manchen beeindruckt haben. Am Ende aber sind das alles nur Ausreden, keine Argumente.

Junge Generation leidet unter Corona

Es ist völlig normal, dass Jugend­liche und junge Erwachsene feiern wollen – keine Generation leidet so sehr unter der Pandemie und ihren Folgen wie diese. Es war auch überfällig, dass Kneipen, Cafés und Restaurants wieder öffnen, weil an ihrem geschäftlichen Erfolg nicht nur Zehntausende Existenzen hängen, sondern auch das, was man das Lebensgefühl und den Charme einer Stadt nennt. Warum wohl fehlen in keinem Fotoband über Hamburg die bunten Bilder aus der Schanze, von der Strandperle und aus dem Portugiesenviertel?

Gastronomie ist gerade in Krisenzeiten wichtig. Sie funktioniert aber nur mit Verantwortung – von allen, für alle. Nun leiden Gäste wie Wirte unter dem Fehlverhalten einiger weniger Betriebe und zu vieler Feierbiester.

Woher rührt der wachsende Leichtsinn? Er könnte eine Folge des Lockdowns sein – auf Dauer sind viele Menschen nicht bereit, sich an Regeln zu halten, die sie nicht verstehen und die von oben angeordnet werden. Zugleich wächst bei manchen die Lust zum Regelbruch. Das mag verständlich sein, ist aber ein Spiel mit dem Feuer: Gedanken- und Verantwortungslosigkeit gefährden am Ende die neue Freiheit im Land. Nur wenn wir uns an die einfachen Corona-Regeln halten, brauchen wir vor dem Herbst keine Angst zu haben.