Meinung
Meine wilden Zwanziger

Bedingungsloses Grundeinkommen: Träume verbuddelt?

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Manche wollen eine Alpakafarm gründen oder ein Brautmodengeschäft. Doch dann landen sie im Büro. Eine 1200-Euro-Aktion will das ändern.

Was würden Sie tun, wenn Sie jeden Monat einen festen Betrag auf dem Konto hätten, ohne dafür etwas tun zu müssen? Würden Sie Ihr Leben verändern?

Das ist die Idee, die hinter einem bedingungslosen Grundeinkommen steckt, für das man sich gerade wieder bewerben kann. Ein Verein, der sich aus Spenden finanziert, verschenkt an Freiwillige drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro. Ein Forschungsteam will herausfinden, welche Effekte ein Grundeinkommen auf die Gesellschaft hätte. Würden Menschen mit finanzieller Sicherheit im Rücken mutigere Entscheidungen treffen? Würden sie den Job ergreifen, von dem sie schon immer geträumt haben? Oder würden sie sich untätig zur Ruhe setzen?

Bedingungsloses Grundeinkommen: Was hinter der Idee steckt

Ich möchte nicht über das Für und Wider eines bedingungslosen Grundeinkommens fachsimpeln. Darüber streitet die Politik schon seit Jahren und ist noch zu keinem Ergebnis gekommen. Viel interessanter finde ich einen Gedanken, der hinter der Idee steckt: Wenn Geld nicht mehr die wichtigste Motivationsquelle wäre, würden vermutlich viel mehr Menschen ihr Hamsterrad verlassen und sich eine andere berufliche Tätigkeit suchen. Eine, die ihnen mehr Spaß bringt. Und mehr Sinn für sie ergibt.

Einen Sinn in ihrem Beruf zu sehen ist besonders für viele junge Menschen wichtig. Sie arbeiten nicht mehr nur, um Geld zu verdienen, wie es früher noch üblich war. Meine Großmutter hat zum Beispiel als junge Frau in einer Schlachterei gejobbt, weil das Geschäft ihrem Vater gehörte. Nicht weil sie Erfüllung darin fand. Die Ansprüche haben sich verändert. Inzwischen sind viele Menschen bereit, bei Gehalt und Status Abstriche zu machen, wenn sie ihre Aufgabe als sinnvoll empfinden und sich mit dem Arbeitgeber identifizieren können.

Eine Generation sucht ihren Sinn

Zwar wird die Sinnsuche meiner Generation gern mal belächelt. Aber ich könnte nicht mehr anders arbeiten. Ich wäre wahnsinnig unglücklich, wenn es mir bedeutungslos vorkommen würde, Texte zu veröffentlichen. Mich bereichern die Geschichten der Menschen, die ich treffe. Und deswegen möchte ich ihre Erlebnisse weitergeben, um damit vielleicht auch andere zu begeistern. Jeder Journalist hat seinen eigenen Antrieb.

In den Medien ist das Thema Sinnhaftigkeit im Job seit Jahren schon omnipräsent. Und trotzdem: Schaue ich mir meinen Bekanntenkreis so an, stelle ich fest, dass viele nicht nach ihrem Herzen leben. Freunde träumen davon, ein eigenes Brautmodengeschäft oder Café zu eröffnen oder als Lehrer Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen. Stattdessen verharren sie in einem Beruf, den sie mal mehr, mal weniger leiden können. Es gibt so viele Arbeitnehmer, die in einem Job feststecken, den sie furchtbar finden.

Kostbare Lebenszeit verschenkt

Jeden Morgen quälen sie sich aus dem Bett. Die ganze Woche fiebern sie nur dem Wochenende entgegen. Manche reiben sich dennoch auf und opfern ihre Freizeit – für etwas, das sie nicht lieben oder gar hassen. So viele Stunden seines Lebens verbringt man mit Arbeit. Die Kollegen sieht man öfter als den eigenen Partner. Für wie viel Schmerzensgeld ist man bereit, seine kostbare Lebenszeit zu verschenken?

Jeden Job kann man mit Leidenschaft ausüben. Dazu muss man nicht erst Yogalehrer werden. Ein und dieselbe Aufgabe kann für den einen Menschen sinnvoll sein, für den anderen überhaupt nicht. Sicherlich braucht auch nicht jeder eine tiefere Bedeutung in seiner Tätigkeit. Einige kommen wunderbar mit einem aus ihrer Sicht langweiligen Job zurecht, um sich Haus und Urlaub zu finanzieren. Trotzdem gibt es da draußen sehr viele Menschen, die ihre Träume irgendwo im Hinterkopf verbuddelt haben. Und diese würde ich gern ermutigen, ihre Idee von der eigenen Schokoladenfabrik, dem Dekoladen oder der Alpakafarm wieder auszugraben.

Bin ich eine Traumtänzerin?

Ja, ich weiß. Das ist alles einfach gesagt. Vielleicht bin ich auch eine Traumtänzerin. Es gehört nicht nur eine gehörige Portion Mut dazu, seine Herzensprojekte zu verwirklichen. Sondern vor allem finanzielle Sicherheit. Da wären wir wieder beim Grundeinkommen.

Ich finde aber, es lohnt sich, nach seiner Berufung zu suchen. Ich liebe es, wenn Menschen von ihrem Job erzählen und dabei dieses spezielle Funkeln in den Augen haben. Die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Leute das machen würden, was ihnen wirklich liegt.