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E-Mails zwischen Hamburg und Berlin

Lars Haider (l.) ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero".

Lars Haider (l.) ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero".

Foto: Laible/Cicero / HA

Ein E-Mail-Wechsel von Abendblatt und „Cicero“.

Hamburg/Berlin. Christoph Schwennicke (r.), Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins „Cicero“, und Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, pflegen eine E-Mail-Freundschaft, die wir jeden Sonnabend an dieser Stelle veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, die Bilder aus Moria sind auch deshalb so verstörend, weil sie eindrucksvoll beweisen, dass es fünf Jahre nach dem „Wir schaffen das“ keine europäische Flüchtlingspolitik gibt. Sondern nur das große Credo: „2015 darf sich nicht wiederholen.“

Schwennicke: Exakt. „Wir“ (wer ist das eigentlich?) haben vielleicht etwas geschafft zu einem hohen gesellschaftlichen Preis. Aber nichts gelernt.

Haider: Und was machen wir oder die da oben jetzt? Die Zustände in Moria sind ja unhaltbar in Europa, Hamburg hat sich schon angeboten, Flüchtlinge von dort zu übernehmen.

Schwennicke: Das habe ich befürchtet. Ich kann nur inständig bitten: Bitte nicht so! Bitte nicht noch ein deutsches Solo mit verheerenden Folge. Das hatten wir exakt so vor fünf Jahren. Wohlfühlen mit Teddybären am Münchner Hauptbahnhof ohne einen einzigen Gedanken an das Danach. Also: Jetzt sofort Container und Zelte und alles an Hilfe und Material aus Deutschland und anderen EU-Staaten nach Lesbos. Diesen Menschen muss geholfen werden. Und den Griechen auch. Dann ein gemeinsames europäisches Vorgehen. Asylcheck vor Ort, am besten in den Startländern, sonst in Moria und entsprechenden Lagern (zwei Drittel der Migranten haben keinen Anspruch auf Asyl), dann Ende der privaten Seenotrettung und Übernahme der Seenotrettungen als hoheitliche Aufgabe einer europäischen Küstenwacht. Verteilung der anerkannten Asylbewerber auf alle europäischen Staaten nach Maßgabe der jeweiligen Möglichkeiten.

Haider: Das klingt nach einer klaren, umsetzbaren Strategie. Warum gibt es die in Europa nicht, wieso scheinen jetzt die gleichen Reflexe wie 2015 zu greifen?

Schwennicke: Weil 2015 viel kaputtgegangen ist. Durch das deutsche Solo und hinterher die Forderung, andere Länder sollten Flüchtlinge abnehmen. Deshalb bitte dieses Mal: gemeinsam.

Haider: Kann das klappen?

Schwennicke: Ja, das kann klappen. Ich setze auf eine kollektive Vernunft.