Meinung
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Der deutsche Sport muss deutlichere Zeichen setzen

Der Hamburger Patrick „Coach“ Esume (46) ist bei ProSieben Experte und Moderator der Sendung „ran Football“.

Der Hamburger Patrick „Coach“ Esume (46) ist bei ProSieben Experte und Moderator der Sendung „ran Football“.

Foto: Michael Rauhe

Vor dem Saisonstart in der US-Footballliga NFL fordert Patrick Esume mehr Engagement aller gegen Rassismus.

Hamburg. Bevor sie in der Nacht zu diesem Freitag startete, die 101. Saison in Nordamerikas Football-Eliteliga NFL, war dies die am meisten gestellte Frage: Kann das wirklich gut gehen? Natürlich gibt es ausreichend Gründe, um in Zweifel zu ziehen, dass die Spielzeit tatsächlich wie erhofft mit dem Super Bowl am 7. Februar 2021 in Tampa (Florida) enden wird.

In einem Land, das mit fast 6,2 Millionen nachgewiesener Fälle die weltweit höchste Corona-Infektionsrate aufweist, 32 Mannschaften mit rund 70 Spielern und ebenso vielen Mitgliedern im Funktionsteam Woche für Woche auf Reisen zu schicken, damit die Akteure im Vollkontakt um Punkte und Siege kämpfen, klingt verwegen. Und doch wäre die einzige Alternative gewesen, gar nicht zu spielen. Eine Blase zu kreieren wie die Basketballliga NBA oder die Fußballliga MLS, die zentral in Disney World in Orlando ihre Meister ermitteln, ist im Football nicht praktikabel. Zu groß sind die Teams und zu lang die von August bis Februar dauernde Saison, um die Protagonisten an einem Ort zu kasernieren.

Die NFL hat vielleicht die sinnvollste Variante gewählt

Nein, die NFL hat – zumindest in der Theorie – die sinnvollste Variante gewählt. Sie setzt darauf, dass jedes Team in seiner Stadt eine Blase bildet und dadurch alle Beteiligten negativ bleiben. Das Reisen sollte angesichts von Charterfliegern, die die Teams exklusiv besetzen, auch kein großer Faktor sein. Außerdem hatte die Liga eine lange Vorlaufzeit, um sich auf die neue Situation einzustellen. Außer an Spieltagen wird an jedem Tag der Woche getestet, bis zu 24.000 Tests in der Woche sind geplant.

Einfluss auf den sportlichen Ausgang dieser Saison wird das Virus indes selbst dann haben, wenn es nicht ausbricht. Die Mannschaften, die neue Trainer verpflichtet oder einen großen Umbruch im Kader vollzogen haben, hatten zu wenig Zeit, um sich einzuspielen. Testspiele waren untersagt, Trainingscamps auf einen Monat limitiert. Teams, die auf Kontinuität gesetzt haben, werden im Vorteil sein, zumindest in den ersten Wochen. Danach fragen wird am Ende aber niemand. Deshalb wird der Gewinn des Super Bowls 2021 mit zeitlichem Abstand auch nicht weniger wert sein als in anderen Jahren.

Saison wird ex­trem spannend

Im Gegenteil: Die Saison wird ex­trem spannend, weil es im Sommer einschneidende Veränderungen gab. Dass mit Tom Brady der Superstar-Quarterback der Liga im Alter von 43 Jahren die New England Patriots verlässt, um nach 20 Saisons in Boston die Tampa Bay Buccaneers aufzumischen, ist aufregend. Dass Titelverteidiger Kansas City Chiefs seinen Spielmacher Patrick Mahomes (24) mit einem knapp 500 Millionen Dollar schweren Vertrag ausstattet, der ihn für die nächsten zwölf Jahre an den Club bindet, gab es noch nie. Die Chiefs und die New Orleans Saints mit Quarterback-Legende Drew Brees (41) sind meine Favoriten, weil sie die größte Tiefe im Kader haben und auf Kontinuität setzen.

Vergessen sollten wir trotz der Sorge um Corona nicht, dass es eine noch viel üblere Bedrohung für unsere Gesellschaft gibt als das Virus: den Rassismus, der beileibe nicht nur in den USA zur alltäglichen Realität für viele Menschen geworden ist. Wir werden auch in der NFL die Proteste sehen, die den Sportsommer in den USA geprägt haben. Immerhin hat die „Black Lives Matter“-Bewegung im Football ihren Ursprung, weil Colin Kaepernick 2016, damals noch als Quarterback der San Francisco 49ers, bei der Nationalhymne aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt aufs Knie ging. Am 3. November, wenn in den USA der Präsident gewählt und Donald Trump hoffentlich Geschichte sein wird, werden die NFL-Teams ihre Einrichtungen schließen, damit alle wählen können.

Einigkeit und Geschlossenheit zeigen

Mein Wunsch ist, dass Amerikas Sport in seinem Protest nicht allein stehen möge. Die oft getätigte Aussage, wir seien in Deutschland nicht unmittelbar von Rassismus und Polizeigewalt betroffen, ärgert mich, weil sie falsch ist. Es ist nicht so schlimm wie in den USA, aber wir alle sind gefordert, dafür zu sorgen, dass es auch nie so weit kommt. Auch die deutschen Sportlerinnen und Sportler sollten noch deutlicher Einigkeit und Geschlossenheit zeigen, anstatt sich hinter der Floskel zu verstecken, Politik und Sport sollten nicht vermischt werden. Rassismus ist kein politisches, sondern ein gesellschaftliches Problem, dem wir gemeinsam entgegentreten müssen – mit Vorbildern, die vorangehen.