Meinung
Mein Leben in den Zwanzigern

Was wäre die Welt ohne Musik, Tanzen – und die „NahBar“?

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Nichts hat mich in der vergangenen Woche so sehr bewegt wie die Geschichte von Melli Wellendorf und ihrer kleinen Kneipe nebenan.

Hamburg. Für die gestrige Großdemonstration „AlarmstufeRot“ reisten Tausende Menschen aus ganz Deutschland nach Berlin. Tontechniker, Bühnenbauer und Künstler marschierten Seite an Seite mit Caterern, Schaustellern und Discobesitzern, um erneut auf die verheerende Situation der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam zu machen.

Seit März liegt der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands fast gänzlich brach. Eine Perspektive, die für die Branche überlebenswichtig wäre, gibt es bisher nicht. Nur erhebliche finanzielle Hilfe kann sie noch retten.

Viele Kulturschaffende fühlten sich in den vergangenen Monaten vergessen. Eine Demo mit so vielen Teilnehmern ruft sie zurück ins Gedächtnis, schafft Aufmerksamkeit. Sie bringt die Mitmenschen – und hoffentlich allen voran die Politik – dazu, sich über die Probleme der Veranstaltungsszene mehr Gedanken zu machen. Doch so richtig begreifen, was die Corona-Einschränkungen für diese Menschen wirklich bedeuten und wie sehr sie um ihre Existenz kämpfen, tut man erst, wenn man sich die einzelnen Schicksale anschaut. Zumindest hat mich der Besuch in einer Bar in der Gemeinde Nahe (Kr. Segeberg) schwer bewegt und wachgerüttelt. Deswegen möchte ich Ihnen davon erzählen.

Immer wieder legen Stammgäste Geschenke vor die Tür

Vergangene Woche habe ich für eine Geschichte die Besitzerin der „NahBar“ getroffen. Melli Wellendorf ist eine Seele von Mensch. Sie hat es geschafft, die Bar in einen sozialen Treffpunkt dreier Generationen zu verwandeln. Hier ist niemand allein, jeder willkommen. Für viele ist die Bar ein zweites Zuhause. Melli Wellendorfs Team ist über Jahre hinweg zu einer Familie zusammengewachsen. Doch wegen der Corona-Krise musste sie ihre Familie entlassen. Um irgendwie ihre Bar, ihr Baby, zu retten.

Immer wieder legen Stammgäste Geschenke vor die Tür, die die Besitzerin aufheitern sollen. Selbst gemalte Bilder, Blumen, Karten. Wenn man mitbekommt, wie sehr Gäste und Melli Wellendorf mit Spenden und Abverkaufsaktionen um das Überleben der Bar kämpfen, wird einem bewusst: Für die große Politik ist die „NahBar“ eines von vielen Corona-Opfern, irgendeine x-beliebige Dorfkneipe an Hamburgs Stadtrand. Doch für andere Menschen ist sie Zufluchtsort, Treffpunkt, Heimat. Um diese am Leben zu halten, demonstrierte auch Melli Wellendorf in Berlin.

Die kleine Dorfkneipe ums Eck zeigt, welche Bedeutung die Veranstaltungsbranche im Großen hat. Sie ist nicht nur Arbeitgeber von rund einer Million Menschen und hat einen enormen wirtschaftlichen Wert. Sie ist auch unverzichtbar für unser soziales Leben.

Was wäre die Welt ohne Konzerte?

Was wäre die Welt ohne Konzerte, auf denen man gemeinsam mit Freunden seine Lieblingssongs grölt? Ein Jahr ohne Konzerte wird man schon überstehen, sagen einige. Nächstes Jahr wird alles besser. Doch wenn sich arbeitslose Bühnenbauer einen neuen Job suchen mussten, Künstlern das Geld für ein neues Album ausgegangen ist und es keine Event-Agenturen mehr gibt, die den Ticketverkauf organisieren können, wird es so schnell keine großen Konzerte mehr geben.

Wer spielt künftig auf Hochzeiten Musik, wenn DJs ihr Equipment verkaufen mussten, um ihre Miete zu bezahlen? Wie viele Touristen kommen noch nach Hamburg, wenn das Motto bei „König der Löwen“ nicht mehr „Hakuna Matata“ („Alles in bester Ordnung“) lautet, sondern das Musical dichtgemacht hat? Wo kann man sich die Sorgen aus dem Kopf tanzen, wenn Clubs verstummt sind?

Politik muss einen schwierigen Spagat meistern

Meine „wilden Zwanziger“ sind seit Beginn der Pandemie jedenfalls gar nicht mehr so wild. Und das liegt vor allem daran, dass sämtliche Veranstaltungen fehlen. Was kann man tun, um diese Horrorszenarien zu verhindern und die Veranstaltungsbranche zu retten?

Mir ist bewusst, dass nicht alle Kulturschaffenden die Pandemie überstehen werden. Die Vernunft sagt, dass es absolut sinnvoll ist, Diskotheken angesichts des Infektionsgeschehens noch geschlossen zu lassen. Mein Herz allerdings würde der „NahBar“ sowie vielen anderen wünschen, dass die Leute ihnen die Bude einrennen. Die Politik muss einen schwierigen Spagat meistern. Fest steht: Die Branche muss finanziell bedeutend mehr unterstützt werden. Sonst gibt es bald keine Dorfdiscos mehr. Und unser Leben wäre sehr viel farbloser.