Meinung
Leitartikel

Luftfahrt-Falle: Hamburg braucht Industrieplan

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Eine der wichtigsten Branchen der Hansestadt schwächelt und weitere Zukunftsbranchen haben andere Standorte zu ihren Zentren erkoren.

Hamburg. Es gibt derzeit viele Branchen in Hamburg, die unter der Corona-Pandemie leiden. Hoteliers beklagen leere Zimmer, Gastronomen verwaiste Restaurants, Einzelhändler kämpfen mit massiven Umsatzeinbußen – und auf die katastrophale Situation der Theatermacher oder Kinobetreiber muss mit Verweis auf Covid-19 an dieser Stelle gar nicht näher eingegangen werden; sie stehen am Rande eines ökonomischen Kraters.

Ohne das Leid dieser Betroffenen kleinreden zu wollen, die größte Umwälzung durch Corona, mit der Hamburgs Wirtschaft wohl noch in zehn bis 20 Jahren zu kämpfen haben wird, ist die Luftfahrt. Ihr hat das Virus quasi einen Hieb versetzt, von dem sie sich vermutlich nie wieder komplett erholen wird.

Offiziell hängen an Airbus, Lufthansa Technik, den unzähligen Zulieferfirmen und dem Flughafen direkt rund 40.000 Arbeitsplätze. Indirekt könnten es sogar 80.000 sein. Dabei handelt es sich zum überwiegenden Teil um gut bezahlte, hoch qualifizierte Tätigkeiten. Was der Maschinen- und Autobau für den Süden der Republik ist, ist die Luftfahrt für Hamburg: das Fundament des Wohlstands. Doch dieses Fundament hat durch Corona Risse bekommen.

Airbus will mehr als 2000 Arbeitsplätze auf Finkenwerder abbauen, bei Lufthansa Technik wurden bereits mehrere Hundert Beschäftigte entlassen – und am Flughafen soll bis 2023 jeder zehnte Arbeitnehmer gehen. Zudem kämpfen unzählige Flugzeugzulieferer – von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen – seit Monaten ums Überleben. Denn kränkelt Airbus, sterben die Zulieferer zuerst.

Bittere Wahrheit

Und die bittere Wahrheit ist: Der Ist-Zustand ist nur ein Zwischenschritt in eine düstere Zukunft der Luftfahrt. Experten sind sich einig, dass die Branche einen langen und sehr steinigen Weg gehen muss, bis sie das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben wird – wenn überhaupt! Vor allem das für viele Airlines so wichtige Geschäft mit Dienstreisen dürfte wohl nie wieder so lukrativ werden wie vor Corona. Unternehmen haben während der Pandemie Gefallen an Home­office gepaart mit Video- und Telefonkonferenzen gefunden.

Wozu noch teure Flüge mit Übernachtungen buchen, wenn zwei Klicks mit der Computermaus ein ähnliches und vor allem deutlich preiswerteres Ergebnis bringen? Und als netter Nebeneffekt wird so auch noch die CO2-Bilanz verbessert. Billiger und grüner – da dürfen die Controlling- und Marketingabteilungen in den Konzernen endlich einmal zusammen frohlocken. Das Problem für Hamburg: Wird weniger geflogen, werden auch weniger Flugzeuge gebraucht.

Deutsche Autoindustrie schaut voller Ehrfurcht auf Tesla

In den nächsten Jahren könnte sich nun rächen, dass die Stadt als Ergänzung zum schwächelnden Hafen fast nur auf die Luftfahrt gesetzt hat. Weitere, spannende Hightech- und Zukunftsbranchen haben bundesweit andere Standorte zu ihren Zentren erkoren. So ist die Stadt in den Kampf um Elon Musk und seine Tesla-Fabrik von Beginn an nur halbherzig eingestiegen. Als sich die Amerikaner dann für einen Standort nahe Berlin entschieden, gab es aus Hamburg lediglich ein herablassendes Lächeln.

Bleibt die Frage, wer zuletzt lacht. Die deutsche Autoindustrie schaut jedenfalls voller Ehrfurcht auf Tesla. Experten attestieren dem US-Unternehmen einen meilenweiten Vorsprung bei der Elektromobilität. Und in Hamburg? Dort setzt man nun primär auf Wasserstoff. Eine spannende Technologie, die aber maximal ein kleiner Baustein im neuen „Wirtschaftshaus“ an der Elbe sein kann. Es bedarf nun zügig eines Plans, wie es nach Corona mit der Industrie in der Stadt weitergehen soll, welche neuen Felder man erschließen möchte. Die Zeit eilt, bevor aus den Rissen im wirtschaftlichen Fundament gefährliche Bruchstellen werden.