Meinung
Kommentar

Belarus am Scheideweg

Korrespondent Ulrich Krökel kommentiert den Ausgang der Präsidentschaftswahl in Polen.

Korrespondent Ulrich Krökel kommentiert den Ausgang der Präsidentschaftswahl in Polen.

Foto: Privat

Nachricht vom Verschwinden von Maria Kolesnikowa erschüttert Öffentlichkeit. Lukaschenkos Stalinismus führt nicht in die Zukunft .

Nun also auch Maria Kolesnikowa. Die Nachricht vom Verschwinden der Oppositionspolitikerin erschütterte am Montag die belarussische Öffentlichkeit. Zunächst blieb zwar unklar, was mit der 38-Jährigen geschehen ist, die nach Augenzeugenberichten auf offener Straße verschleppt wurde. Die Vermutung allerdings lag nah, dass die berüchtigten Verhörspezialisten von Diktator Alexander Lukaschenko zum nächsten Schlag ausgeholt haben. Schließlich hatte die Staatsmacht zuvor schon die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanows­kaja und ihre wichtigsten Mitstreiterinnen mit psychischer und physischer Gewalt zum Gang ins Exil gezwungen.

Deshalb war auch abzusehen, dass es Kolesnikowa früher oder später ebenfalls erwischen würde. Der Diktator hat sich mit den Worten „nur über meine Leiche“ längst darauf festgelegt, dass er keine Kompromisse mit seinen Gegnern eingehen wird. Und schon gar nicht mit irgendwelchen Gegnerinnen. Denn Lukaschenko verachtet Frauen, ja, er hält sie für minderwertig. Sich überhaupt mit „diesen Mädchen“ herumschlagen zu müssen, die seine Töchter sein könnten, darin sieht er nicht nur einen Angriff auf seine Führungsrolle
im Staat, sondern mehr noch eine Be­leidigung seiner Männlichkeit.

Man muss sich all das vor Augen führen, was dieser 66-Jährige da treibt, weil es so eklatant allen zukunftsweisenden Entwicklungen in den modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts widerspricht, dass es kaum zu glauben ist. Genau wegen seiner bornierten Weltsicht findet der retrostalinistische Diktator, der mit einer Kalaschnikow durch die Gegend läuft und dabei wie eine Karikatur seiner selbst wirkt, auch kein wirksames Mittel gegen die anhaltenden Proteste in Belarus. Denn die Bewegung strebt nach vorn, in die Zukunft.