Meinung
Kommentar

Wie Corona Freundschaften zerstört

Annette Bruhns, Redakteurin  beim „Spiegel“

Annette Bruhns, Redakteurin beim „Spiegel“

Er habe sich in mir getäuscht, schrieb mir kürzlich ein alter Freund am Ende ermüdender E-Mails, ich hätte meinen investigativen Schneid verloren. Hinter meiner vermeintlichen Ignoranz witterte er Arroganz: Denn er, in Spanien lebender Argentinier, wollte mich, die deutsche „Spiegel“-Journalistin, dazu bringen, über ein Medikament gegen Covid-19 zu recherchieren, das Ärzte in Bolivien erprobt hätten – und zwar weit vor westlichen Forschern. Zu seiner Enttäuschung schenkte ich dem Wundermittel Chlordioxid keine Beachtung.

Mehr als 30 Jahre waren wir befreundet. Jetzt ist da etwas zerbrochen. Der Riss ist einer, der auch die deutsche Gesellschaft spaltet. Wenn in Berlin Demonstranten auf die Straße gehen, marschieren Leute wie mein Bekannter virtuell mit. Man gratuliert sich gegenseitig zum Widerstand: gegen ein angebliches Komplott zwischen Bill Gates, der Pharmaindustrie und der Weltgesundheitsorganisation – orchestriert von willfährigen, korrupten Journalisten.

Die Menschheit vom Joch der Masken befreien

Sie wissen, dass da Nazis mitmarschieren. Aber sie sind getrieben von einer Mission: eine verblendete, verführte, verkaufte Welt zu retten. Sie wollen die Menschheit vom Joch der Masken befreien, von PCR-Tests, die nichts taugten, von drohenden Zwangsimpfungen. Das Lachen über diese Vorstellungen blieb einem spätestens im Hals stecken, als diese neuen Wutbürger vereint mit Rechtsradikalen auf der Treppe des Reichstags posierten.

Viele Corona-Skeptiker sind klug. Mein Freund hat studiert, er liest viel
in vielen Sprachen. Aber was Covid-19 angeht, vertraut er trüben Quellen.
Wie konnte es so weit kommen? Sicher, die Pandemie hat meinen Bekannten schwer getroffen. Seit dem Lockdown bangt er um seine Existenz. Ein Schmuckgeschäft, sogar in bester Lage in Barcelona, ist derzeit kein Garant für wirtschaftliches Überleben.

Alte Menschen opfern für die Wirtschaft ist unethisch

Es ist verständlich, dass diejenigen, deren Einnahmen durch die Corona-Restriktionen bedroht sind, sich immer wieder fragen: Muss das wirklich sein? Wer ist schützenswerter: junge Familien oder alte Menschen? Diese Frage stellen sie implizit, wenn sie wieder und wieder anführen, dass ja „fast nur vorerkrankte“ Menschen an Corona stürben, meistens „über 80 Jahre alt“. Es ist verständlich, aber im Ergebnis schäbig. Alte kranke Menschen zu opfern, damit jüngere wirtschaftlich besser dastehen: Diese Abwägung ist unethisch und bedeutet das Ende jeglicher Humanität.

Lesen Sie auch noch:

Diesen Vorwurf mache ich auch meinem Argentinier, der sich selbst für links hält, naturverbunden, kinderlieb. Verantwortlich sind aber auch diejenigen, die solchem Gedankengut Vorschub leisten, vermeintliche Experten, die unseriöse Thesen propagieren. Der dreifache Facharzt Wolfgang Wodarg, früher Bundestagsabgeordneter der SPD, verbreitet, es gäbe gar keine echte Pandemie.

Im Zweifel mal die Klappe halten

Der UKE-Rechtsmediziner Klaus Püschel hat erklärt, die meisten von ihm obduzierten Corona-Patienten wären sowieso bald an anderen Krankheiten gestorben. Als könnte irgendein Arzt mit Gewissheit sagen, wie lange Patienten noch zu leben haben. Befremdet hat mich auch Frank Ulrich Montgomery, Weltärztepräsident aus Deutschland, als er im April die neue Maskenpflicht scharf kritisierte. Anfang August räumte er dann ein, dass er einem „wissenschaftlichen Irrtum“ aufgesessen sei.

Wenn Mediziner heute vollmundig unbewiesene Thesen verbreiten, tragen sie nicht nur dazu bei, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören. Sie riskieren, letztlich, Leben. Zur Erfüllung des hippokratischen Eides gehört auch, im Zweifel die Klappe zu halten.