Meinung
Leitartikel

Corona in Deutschland: Der private Lockdown

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Anders als in vielen Ländern ist die Corona-Lage in Deutschland stabil. Das hat einen Grund.

Hamburg. Was unterscheidet die Deutschen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie von anderen Europäern? Ganz einfach: Nach den Erfahrungen aus dem Frühjahr begeben wir uns von selbst in eine Art Lockdown, wenn die Gefahr besteht, dass die Zahl der Infektionen wieder zunehmen könnte.

Dafür reichen mahnende Worte, wie sie das Robert-Koch-Institut, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) ausgesprochen haben, als sich vor wenigen Wochen mit den Reiserückkehrern die Corona-Krise wieder zu verschärfen schien. Die Deutschen reagierten prompt und, wie wir heute wissen, richtig. Während etwa in Spanien und Frankreich die Infektionszahlen leider wieder außer Kontrolle geraten, hat sich die Lage bei uns beruhigend stabilisiert. Der Reproduktionsfaktor ist deutlich unter die Grenze von 1,0 gesunken, der Quotient von Tests und positiven Ergebnissen hat sich von Woche zu Woche verbessert. Würde in Deutschland heute so viel getestet werden wie Anfang Juni, hätten wir tägliche Neuinfektionen im mittleren dreistelligen Bereich.

Soll heißen: Jens Spahn hat recht mit seiner Einschätzung, die ja auch von vielen anderen Politikern und Experten geteilt wird, dass es in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit im weiteren Verlauf der Pandemie keinen zweiten, staatlich verordneten Lockdown geben wird. Wenn es darauf ankommt, verordnen die Bürger den sich nämlich selbst.

Die Deutschen werden gerade im Winter vorsichtig bleiben

Das ist aus medizinischer und gesellschaftlicher Sicht eine gute Nachricht, für die Wirtschaft und die Kultur hat sie aber auch eine nicht so erfreuliche Seite: Die Deutschen werden gerade im Winter, der ja als eine – hoffentlich letzte – kritische Phase der Corona-Krise gilt, vorsichtig bleiben, was etwa Einkaufen und Theaterbesuche angeht.

Schon jetzt stellen Künstler frus­triert fest, dass selbst Säle, deren Kapazitäten um zwei Drittel reduziert wurden, bei Auftritten nicht zwangsläufig ausverkauft sind. Das wird so lange so bleiben, bis es entweder einen Impfstoff gegen Corona gibt oder sich die Zahl der Neuinfektionen wieder auf den aus den Sommermonaten gewohnten niedrigen Ständen eingependelt hat.

Das ist nicht unmöglich und kann, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben, auch relativ einfach von Behörden und Politik gesteuert werden. Nämlich mit einer Kommunikation, die eine Mischung aus Wachsamkeit („Das Virus ist nicht weg!“) und Erinnerung („Es reicht, wenn sich alle an die AHA-Regeln halten“) sein muss. Den Kern kann man gar nicht oft genug wiederholen: Wenn alle die Masken richtig tragen (auch über der Nase!!!), wenn man auf Abstände achtet und auf Nieshygiene, sich regelmäßig und ordentlich die Hände wäscht und ab und an mal lüftet, dann schaffen wir das wirklich, dann kommen wir auch gut durch die nächste Zeit.

Licht am Ende des Tunnels

Wer den Politikern genau zuhört, der hört auch heraus, dass es nicht mehr um Jahre geht, bis wir die Pandemie zumindest medizinisch hinter uns gelassen haben werden, sondern wohl nur noch um Monate. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in verschiedenen Ländern der Welt schon in diesem Jahr Impfkampagnen geben, in Deutschland wohl spätestens ab Januar. Es ist tatsächlich „Licht am Ende des Tunnels“, wie es Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz vor Kurzem gesagt hat, und dieses Licht wird umso heller scheinen, wenn wir alle uns jetzt noch einmal – ein letztes Mal? – zusammenreißen.

Wobei: Was heißt schon zusammenreißen, wenn man sich die ziemlich simplen AHA-Regeln bei uns ansieht und mit den zum Teil radikalen Maßnahmen vergleicht, die derzeit anderswo in Europa und weltweit verordnet werden?