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Wird Hamburg eine schrumpfende Stadt?

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Folgen von Corona: Warum die Metropole vielleicht nie über die magische Marke von zwei Millionen Einwohnern wächst.

Hamburg. Vor Kurzem verstörte eine Meldung die Propheten ewigen Städtewachstums: Die Hauptstadt schrumpft. Erstmals seit 2003 sank die Bevölkerungszahl Berlins um 7039 auf 3.762.456 Bewohner. Der Grund ist schnell erklärt: Während nur 1075 Ausländer in die Spreemetropole zogen, suchten 8114 Berliner mit deutscher Staatsangehörigkeit das Weite. Wenn Sie Lust auf Wetten haben: Für Hamburg dürfte sich im laufenden Jahr eine ähnliche Entwicklung anbahnen.

Corona verändert zumindest kurzfristig alles. Dabei galt Hamburg seit Jahren als „Wachsende Stadt“. Den klugen Slogan, ersonnen vom früheren Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU), übernahm Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) in sein Regierungshandeln. 2013 brachte er die magische Marke von zwei Millionen Hamburgern erstmals ins Gespräch. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sprach in seiner ersten Regierungserklärung von zwei Millionen Einwohnern bis Mitte der 30er-Jahre. Und SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf philosophierte vor zwei Jahren sogar über 2,2 Millionen Einwohner, holte sich mit derlei Ideen aber eine blutige Nase und schwieg fortan. Inzwischen stellt sich die Frage: Woher soll das Wachstum kommen?

Betrachten wir die nackten Zahlen: Seit Jahren speist sich das Wachstum der Stadt vor allem aus einer Quelle: Es sind nicht mehr nur junge Mecklenburger oder Hessen, die nach Hamburg drängen, sondern vor allem Ausländer. Lag die Migrantenquote 2014 – Hamburg hatte damals 1,76 Millionen Einwohner – bei rund 14 Prozent, sind es nun – bei 1,85 Millionen Einwohnern – rund 17 Prozent. Noch augenfälliger ist die Betrachtung der Wanderungsbewegungen. Seit 2016 verlassen mehr Deutsche die Stadt, als hinzuziehen. Und dieser Trend beschleunigt sich: Gab es 2015 noch einen kleinen Wanderungsgewinn von 426 Deutschen, lag dieses Minus 2019 bei 4154 Menschen. Überkompensiert werden die Verluste durch Zuwanderung aus dem Ausland – doch auch hier sind die Zahlen rückläufig: 2015 und 2016 betrug der Wanderungsgewinn wegen der Flüchtlingskrise jeweils mehr als 20.000, inzwischen hat er sich halbiert. 2019 nahm Hamburg um rund 6000 Einwohner zu – bei gleichbleibendem Wachstum würde so erst 2045 die magische Marke von zwei Millionen überschritten werden.

Attraktivität der Hansestadt wird leiden und der Zuzug abgebremst

Wenn überhaupt noch mit Wachstum zu rechnen ist. Im laufenden Jahr dürften sich die beiden Trends verstärken. Durch die zeitweise geschlossenen Grenzen dürfte ein Wanderungsgewinn durch Migranten eher unwahrscheinlich sein; wegen Corona dürfte zugleich der Wunsch nach einem Haus im Umland mit Garten bei vielen Hamburgern wachsen. Selbst eingefleischte Großstadtbewohner sehen ihr Traumviertel nach dem Lockdown, nach gesperrten Spielplätzen und geschlossenen Cafés mit anderen Augen. Sogar urbane Milieus träumen plötzlich den Spießertraum der 60er­ vom Häuschen im Grünen.

In den kommenden Jahren könnte sich der Exodus fortsetzen. Corona macht die Stadtflucht noch aus einem weiteren Grund attraktiver: Durch Heimarbeit müssen viele Arbeitnehmer statt an fünf nur noch an zwei oder drei Tagen zu ihrem Job in der City pendeln. So wird das Wohnen im Umland attraktiver und günstiger. Zugleich dürfte der Sog der pulsierenden Wirtschaftsmetropole nachlassen; wie stark, hängt von der weiteren Konjunkturentwicklung ab.

Hamburg lockte Menschen aus nah und fern, weil es hier gut bezahlte Jobs gab. Die Krise im Flugzeugbau, im Handel und Hafen sowie beim Tourismus wird Arbeitsplätze kosten. Damit wird die Attraktivität der Hansestadt leiden und der Zuzug abgebremst. Da Städte aber organisch schon seit Jahrzehnten nicht mehr wachsen, droht bei sinkendem Zuzug und wachsendem Wegzug die Trendwende: Es drohen schrumpfende Städte. Wer glaubt, das habe es alles noch nicht gegeben: Vor mehr als 30 Jahren referierte der frühere Bürgermeister Hans-Ulrich Klose über die „Unregierbarkeit der Städte“: „Die Bevölkerung der Bundesrepublik nimmt weiter ab. Sie nimmt auch in den großen Städten ab, in Hamburg überproportional. Dafür gibt es zwei Gründe: die Altersstruktur der hamburgischen Bevölkerung und die Umlandabwanderung.“ Klose fürchtete, „dass einzelne Stadtteile leerlaufen oder sich zu Slums entwickeln und die städtische Infrastruktur sich flächendeckend verdünnt“. Hoffentlich wird dieser Text nicht noch einmal aktuell.