Meinung
Mein Leben in den Zwanzigern

Ich tanze nur noch vor dem Badezimmerspiegel

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Ja, ich vermisse die Partys bei Freunden. Doch in dieser Zeit können Einladungen auch zu einem Gewissenskonflikt führen.

Hamburg. Wissen Sie, was ich richtig gerne mal wieder machen würde? Tanzen! Gemeinsam mit guten Freunden und einem nie leer werdenden Glas in der Hand möchte ich mich in einer urigen Bar oder auf einer Hausparty von der Musik treiben lassen, einfach ausgelassen und sorglos sein. Das letzte Mal, dass ich so gefeiert habe, war Mitte Februar auf der verspäteten Weihnachtsfeier unserer Norderstedter Redaktion. Ich habe in dem stickigen Club in der Schanze keinen Gedanken an Aerosole verschwendet. Statt die Nähe anderer Menschen zu fürchten, lag ich ihnen in den Armen. Ansteckende Krankheiten gab es schon damals, sie haben mir nur keine Angst eingejagt. Ich habe im Moment gelebt. Dieses Gefühl vermisse ich. Jetzt bleibt mir nur der Badezimmerspiegel, vor dem ich alleine tanzen kann ...

Mit derselben Unbeschwertheit wie an diesem Abend wird man so schnell nicht wieder ausgehen können. Private Feiern dürfen zwar veranstaltet werden, zählen aber zu den Hauptansteckungsquellen. Auch wenn ich liebend gerne tanzen gehen würde – mit Maske, Abstand und Angst macht es keinen Spaß.

Eingeladen und gefeiert wird trotz Corona weiterhin

Eingeladen und gefeiert wird trotz Corona aber weiterhin. So wie es die Regeln eben zulassen. Die erlaubte Gästezahl wird ausgeschöpft – und dann steht man als Eingeladener vor der Qual der Wahl: Riskiere ich eine mögliche Ansteckung und gehe zur Party, um den Gastgeber nicht zu enttäuschen? Oder höre ich auf die Stimme der Vernunft und bleibe zu Hause?

In diesem Jahr war ich auf drei Hochzeiten eingeladen. Alle drei wurden auf 2021 verschoben. Für die Brautpaare tut es mir unendlich leid. Sie haben monatelang auf diesen besonderen Tag hingefiebert – und plötzlich müssen sie die mühsam geplante Feier canceln. So lange wie möglich zögerten die Paare eine Absage hinaus. Erst als klar war, dass die Regierung die Corona-Beschränkungen nicht ausreichend lockern würde, entschieden sie sich gezwungenermaßen und schweren Herzens gegen eine Feier.

In derselben Zeit, während die Hochzeitspaare noch hofften, trug ich einen Gewissenskonflikt mit mir aus. In meinem Umfeld gehören viele Menschen der Risikogruppe an. Keinesfalls möchte ich riskieren, sie anzustecken, nur weil ich auf einer Party tanzen war. Außerdem sind mir die – noch nicht ausreichend erforschten – Spätfolgen nicht gerade geheuer. Andererseits: Wenn eine langjährige Freundin heiratet, ist dies eines der wichtigsten Ereignisse ihres Lebens, bei dem ich natürlich dabei sein möchte. Wie handele ich richtig? Hat sie Verständnis, wenn ich meine Bedenken äußere? Oder hält unsere Freundschaft das nicht aus?

Die Ängstlichen bringt man derzeit mit Einladungen in Bedrängnis

Ich war erleichtert, als mir die Regierung die Entscheidung abgenommen hat. Grundsätzlich sage ich bei Feiern fast immer zu, wenn ich Zeit habe. Ich freue mich über Einladungen und finde, man sollte sie wertschätzen. Nicht nur wenn ich Partys absage, habe ich Gewissensbisse, das geht bei mir schon bei Verabredungen los. Sie können sich also vorstellen, wie schwer mir die Absage bei einer Hochzeitseinladung gefallen wäre.

Klar ist aber, dass man insbesondere die Ängstlichen derzeit mit Einladungen in Bedrängnis bringt. Womöglich möchten sie den Gastgeber nicht enttäuschen, schlucken ihr ungutes Gefühl herunter und quälen sich durch den Abend. Davon hat niemand etwas. Auf einer Hochzeit mit 100 Leuten wäre ich vermutlich irgendwann blau angelaufen, weil ich versucht hätte, die Luft anzuhalten, um so wenig Aerosole wie möglich einzuatmen.

Man weiß auf großen Feiern selten, wo sich die Gäste vorher herumgetrieben haben

Auf der anderen Seite gibt es die Unbedarften, die ihr Leben so normal wie möglich weiterführen wollen, und dazu gehören für sie eben Partys. Bei Instagram habe ich kürzlich Videos einer Bekannten gesehen, die zuerst auf Mallorca Urlaub gemacht hat (kurz bevor die Insel zum Risikogebiet erklärt wurde), dann nach Sylt gefahren ist und anschließend auf einer Hausparty in Hamburg feierte. Man weiß auf großen Feiern selten, wo sich die Gäste vorher herumgetrieben haben. Und dieser Dame würde ich doch lieber aus dem Weg gehen wollen.

Gastgeber tragen in diesen Zeiten eine besondere Verantwortung. Wenn jemand schon trotz Corona unbedingt feiern muss, sollte er Verständnis haben, dass manch einer lieber alleine vor seinem Badezimmerspiegel tanzen möchte.