Meinung
Gastbeitrag

Hamburg braucht Kaltenkirchen, Norderstedt und Lüneburg

Katharina Fegebank (Grüne) ist seit 2015 Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin.

Katharina Fegebank (Grüne) ist seit 2015 Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin.

Foto: Marcelo Hernandez / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Diese Woche wird der Metropolitaner Award für den Zusammenhalt in der Metropolregion verliehen. Wie gut ist dieser Wirtschaftsraum?

Hamburg. Wir Hamburgerinnen und Hamburger sind uns ja oft selbst genug und finden, dass wir in der schönsten Stadt der Welt leben. Hamburg: die stärkste Handelsmetropole, der größte Hafen- und Luftfahrtstandort Deutschlands, Medienstadt, Musikmetropole und seit Kurzem auch offiziell Ort wissenschaftlicher Exzellenz. Zu Recht dürfen wir stolz sein auf uns und das, was wir erreicht und erarbeitet haben. Es wäre aber ein Fehler, in Selbstzufriedenheit unsere Schwächen zu übergehen und Zukunftsfragen auszublenden. Denn die aktuelle wirtschaftliche Lage und unsere infrastrukturellen Probleme müssen klar benannt und angegangen werden.

Viele erfolgreiche Unternehmen in der Metropolregion

Wir haben Aufholbedarf beim Klimaschutz, in der Digitalisierung, der Internationalisierung, der Wissenschaft und beim Aufbau von technologiegetriebenen Innovationen. Wir müssen die Frage beantworten, wohin wir mit dem Hafen wollen und wie wir unseren Wohlstand sichern können. Problem erkannt, Problem gebannt? Nein, denn viele dieser großen Zukunftsaufgaben können wir nicht alleine lösen. Wir müssen das mit unseren Nachbarn gemeinsam tun. Eine Schlüsselrolle kommt dabei unserer Metropolregion zu. Denn wir bilden mit unseren Nachbarn in Schleswig Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen einen gemeinsamen Wirtschafts- und Innovationsraum.

Viele erfolgreiche Unternehmen agieren in der Metropolregion selbstverständlich über Stadt- und Ländergrenzen hinweg. Jungheinrich beispielsweise hat mit seinen 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 40 Ländern den Stammsitz in Hamburg. Das Zentrum für die Erforschung und Entwicklung der Lithium-Ionen-Batterie-Technologie ist in Norderstedt. In Lüneburg wird an der Automatisierung von Lagertechnik gearbeitet, und das Ersatzteillager in Kaltenkirchen sorgt für 24-Stunden Lieferbereitschaft an 365 Tagen im Jahr. Jeder Standort ist hochgradig spezialisiert und in der jeweiligen Region fest verankert.

Wir verlieren zunehmend an Wirtschaftsleistung

Obwohl es viele gute Beispiele für die wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit im Norden gibt, die jüngste OECD-Studie zur Metropolregion hat schonungslos offen gelegt: Wir verlieren zunehmend an Wirtschaftsleistung, werden von süddeutschen Regionen überholt und drohen langfristig sogar abgehängt zu werden. Dabei gibt es so viel Potenzial: Die OECD attestiert Hamburg und der Metropolregion ideale Voraussetzungen, um die Energiewende in Deutschland zu ihren Gunsten zu nutzen und eine weltweit führende Stellung bei den erneuerbaren Energien einzunehmen.

Dafür müssen wir die Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien noch ambitionierter vorantreiben. Für den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft ist eine Vervielfachung der installierten Windkraft nötig. Der Ausbaupfad für die Offshore-Windenergie muss deutlich ausgeweitet, der Deckel für die Onshore-Windenergie abgeschafft werden.

Wir müssen Forschung, Entwicklung und Innovationen stärker fördern

Es gibt bereits erfolgversprechende Ansätze, bei der Norddeutschland an einem Strang zieht: Das Projekt NEW 4.0 – getragen von 60 Unternehmen und Forschungseinrichtungen – will aus Hamburg und Norddeutschland heraus den Weg für die künftige erneuerbare Energieversorgung in Deutschland ebnen. Konkret sollen Hamburg und Schleswig-Holstein bis 2035 mit 100 Prozent regenerativem Strom versorgt werden. Wir müssen Forschung, Entwicklung und Innovationen in der Metropolregion stärker fördern. Potenziale, die nur darauf warten, genutzt zu werden, gibt es zuhauf. Im Bereich der künstlichen Intelligenz in der Medizin, im Bereich neuer Materialien und Werkstoffe, in der Luftfahrt und im Bereich Infektionsforschung.

Im Koalitionsvertrag haben wir uns darauf verständigt, die Innovationsstrategie Hamburgs und die der Metropolregion stärker miteinander zu verzahnen. Dafür sollen die etablierten Wirtschaftscluster der Bundesländer innerhalb der Metropolregion stärker kooperieren und neue effektive, wissenschaftsgeleitete Clusterstrukturen etabliert werden. Mit der Gründung einer regionalen Innovationsagentur wollen wir die Anregung der OECD direkt umsetzen und eine gemeinsame Strategie erarbeiten.

Unsere Lebensqualität, unser Zusammenhalt und unser Wohlstand hängen maßgeblich davon ab, wie veränderungsfähig wir sind. Hamburg ist die zweitgrößte Stadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und ökonomisch sehr erfolgreich. Wenn wir das bleiben und auch in Zukunft zu den Taktgebern für technischen, sozialen und ökologischen Fortschritt gehören wollen, dann sollten wir den guten Ideen und klugen Köpfen noch mehr Aufmerksamkeit und Geld geben und erkennen, wie wichtig die Metropolregion ist.