Meinung
Kolumne Sportplatz

Lionel Messi wird kein Uwe Seeler

Kai Schiller ist Chefreporter Sport beim Hamburger Abendblatt.

Kai Schiller ist Chefreporter Sport beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez

Der beste Fußballer der Geschichte, doch nach der Kündigung beim FC Barcelona steht fest: Der beste Sportsmann ist er nicht.

Es war am Dienstagabend, als die Fußballwelt, wie wir sie in den vergangenen zwei Dekaden kannten, ins Wanken geriet. Mit einem sogenannten „burofax“, einer Art Einschreiben, wie man es in Spaniens Geschäftswelt benutzt, ließ Lionel Messi seinem Arbeitgeber mitteilen, dass er seinen bis 2021 laufenden Vertrag auflösen wolle. Sofort. Ohne Wenn und Aber. Nun ja, dieser Arbeitgeber, immerhin der FC Barcelona, antwortete kurze Zeit später. Ebenfalls per „burofax“. Und schrieb sinngemäß: Nein danke. Und natürlich hoffe man weiter, dass der gut bezahlte Angestellte sogar seine Karriere bei Barça beende.

What a Messi! Um die ganze Dimension dieser Affäre hier einmal aufzuzeigen: Barcelona ohne Messi war bis zu diesem Dienstag in etwa so wahrscheinlich wie die Vorstellung, dass die Elbe zukünftig einen Bogen um Hamburg macht und durch Bremen fließt.

Lionel Messi und der FC Barcelona: schmutziger Scheidungskrieg

Die gute Nachricht: Die Elbe kann kein „burofax“ schreiben. Die schlechte: Messi und Barcelona, die wohl größte Liebesgeschichte im Weltfußball, stehen seit Dienstag vor einem der schmutzigsten Scheidungskriege überhaupt.

731 Pflichtspiele, 634 Tore, 34 Titel. Das sind die Kennzahlen, die aus der Beziehung zwischen diesem Zauberfußballer und diesem Weltverein gewachsen sind, der qua Definition „més que un club“ ist. Mehr als ein Fußballclub.

Die bisherige Symbiose zwischen Messi und Barça ist beeindruckend: Der kleine Argentinier, der mit 13 Jahren aus Südamerika nach Barcelona kam, hat in den vergangenen 20 Jahren dafür gesorgt, dass aus diesem Mehr-als-ein-Club ein Unternehmen wurde, das seinen Jahresumsatz auf mehr als eine Milliarde Euro nach oben schrauben konnte. Umgekehrt war es Barcelona, das Messi jeden und alle Wünsche von den Augen ablas und ihm zu sechs Weltfuß­ballertiteln verhalf.

Messis Jahresgehalt: geschätzte 50 Millionen Euro

Aus. Schluss. Vorbei. Nach der schmerzhaften 2:8-Niederlage im Viertelfinale der Champions League gegen den FC Bayern München will Messi nicht mehr. Genug ist schließlich genug. Da helfen auch nicht die geschätzten 50 Millionen Euro Jahresgehalt, die der FC Barcelona seinem größten Star brav überweist.

„Was bleibt jetzt noch?“, fragte der Chefkommentator der ortsansässigen Zeitung „Sport“ – und antwortete melodramatisch: „Die Wüste. Die Bitterkeit. Die Wut. Eine Zukunft ohne Zukunft.“

Die Schuldigen an dieser epochalen Trennung schienen schnell gefunden: Barcelonas Noch-Präsident Josep María Bartomeu, den Messi ohnehin nie ernst nahm. Und der gerade erst verpflichtete Trainer Ronald Koeman, der es wagte, Messis immerhin 33 Jahre alten Kumpel Luis Suárez den Laufpass zu geben.

Uwe Seeler sagte 1961 Inter Mailand ab – höflich

Doch vielleicht ist es an dieser Stelle auch einmal erlaubt, den Scheinwerfer in die andere Richtung zu verschieben. Ist es tatsächlich in Ordnung, eine 20 Jahre währende Liaison durch ein von den eigenen Anwälten verfasstes Einschreiben zu beenden? Natürlich hat der FC Barcelona Messi viel zu verdanken. Aber hat Messi dem FC Barcelona nicht auch etwas zu verdanken? Gibt es so etwas Naives wie Dankbarkeit überhaupt noch in der durchkommerzialisierten Sportwelt von heute?

1961 gab es sie noch. Da wurde Uwe Seeler ein unmoralisches Angebot gemacht. Von Inter Mailand. Viel Geld hat man dem Hamburger geboten. Und Seeler? Sagte höflich ab. „Mehr als ein Steak am Tag kann man nicht essen“, antwortet „Uns Uwe“ heute, wenn man ihn nach dem Angebot von damals fragt.

Doch gestern ist gestern. Und heute isst man sein Steak als Fußballer auch gerne mal im Blattgoldmantel. Messi will jedenfalls ernst machen. Dem Vernehmen nach überlegt er nur noch, ob er eher zu den Abu-Dhabi-Millionen von Manchester City wechselt. Oder zu den Katar-Millionen von Paris Saint-Germain. Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es sogar das Gedankenspiel, ins kalte Manchester zu wechseln, aber im warmen Barcelona wohnen zu bleiben. Ein Hoch auf einen Privatjet, wenn man ihn denn mal braucht.

Egal wie diese Geschichte auch ausgehen mag, schon jetzt scheint klar: Messi und Barcelona können eigentlich beide nur verlieren. Der Dribbelkönig bleibt zwar der größte Fußballer, der je auf diesem Planeten gespielt hat. Der größte Sportsmann wird er aber nicht mehr.