Meinung
Leitartikel

Sylt, pass auf! Tourismus zerstört die Insel

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Laible / HA

So schön, so überlaufen: Der Lieblingsinsel der Deutschen kommt an ihre Grenzen.

Wer regelmäßig im Sommer nach Sylt fährt, stellt sich bei der Rückkehr in den Alltag eigentlich immer die gleiche Frage: Wie lange geht das noch gut? Wie viele Gäste und Übernachtungen verträgt die wunderschöne Insel? Und wann ist die Grenze zum Massentourismus (endgültig) überschritten?

In diesem Jahr ist Sylt coronabedingt dicht dran: In der Friedrichstraße in Westerland war es in den Sommermonaten zeitweise so voll, dass man den nur für Geschäfte vorgeschriebenen Mund-Nasen-Schutz am besten gleich aufbehielt. Die Insel war und ist ausgebucht, selbst für eine Übernachtung in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs konnten Vermieter rund 350 Euro nehmen.

Sylt: Ferienwohnungen für 10.000 Euro pro Quadratmeter

Das Interesse am Kauf von Ferienwohnungen ist ungebrochen, auch wenn man kaum noch etwas unter 10.000 Euro findet – pro Quadratmeter, versteht sich. Sylts Problem sei, hat der Makler Björn Dahler neulich dem Hamburger Abendblatt gesagt, dass die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteige.

Das gilt nicht nur für Häuser und Wohnungen, das gilt für Sylt als Ganzes. Alle wollen hin, viele wollen Geld verdienen, die Insel ist längst ein Ganzjahresziel, dem der Tourismus so gut wie keine Pausen mehr gönnt. Ja klar, es geht immer noch mehr, es wird weiter gebaut, selbst in die kleinste Lücke passt noch ein Haus, das man vermieten kann. Wenn dieser Sommer ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahre gewesen ist – und vieles spricht dafür, dass die Deutschen künftig noch mehr Urlaub an Nord- und Ostsee machen werden –, dann muss sich Sylt spätestens in den nächsten Monaten fragen, wie man mit dem Ansturm umgehen will.

Nordsee: St. Peter-Ording hat aufgeholt

Der Schritt von der schönen, nach wie vor leicht exklusiven Insel, die alle lieben, hin zu einem überlaufenen Tourismusort, in dem Urlaub jenseits der großen Strände zum Stress wird, ist klein. Und die Konkurrenz wird stärker: Sankt Peter-Ording hat mächtig aufgeholt, die Ostsee-Orte werden schicker. Interessanterweise macht man sich dort zum Teil deutlich mehr Gedanken über die Grenzen des Wachstums und des Tourismus als auf Sylt.

Das hat zum einen damit zu tun, dass die einheimische Bevölkerung, ohne die es all die Urlaubsangebote nicht geben würde, Schwierigkeiten hat, Häuser oder Wohnungen zu mieten, geschweige denn zu kaufen. Zum anderen geht es darum, genau das zu erhalten, weswegen Touristen an die Küsten kommen: Das beginnt bei der Natur und endet bei der Ruhe, die viele hier oben suchen. Hektik kann man ebenso wenig gebrauchen wie überlaufene Fußgängerzonen, Restaurants, in denen in Schichten gegessen wird („Um 19.30 Uhr müssen Sie hier aber weg sein“), oder Anreisen, die sich durch lange Staus oder Wartezeiten ins Unendliche ziehen.

Westerland: Nicht übertreiben!

Auf Sylt waren alle diese Probleme in diesem Sommer Alltag, und sie könnten noch schlimmer werden, wenn die Insel so weitermacht wie bisher. Tut sie das, greift ein einfaches Handwerker-Prinzip: Nach fest kommt ab. Wer es übertreibt, in diesem Fall mit dem Tourismus, riskiert die Grundlagen, auf denen dieser Tourismus, auf denen Immobilien- und Übernachtungspreise in den vergangenen Jahren gedeihen konnten. Daran kann niemand ein Interesse haben, Sylt-Urlauber genauso wenig wie Sylt-Gastgeber. Und die vielen Hamburger, die auf der Insel ihre Zweitwohnung haben (und damit einerseits Teil und andererseits Lösung der geschilderten Probleme sein können), auch nicht.

Auf Sylt, das wissen wir, kann man so gut durchatmen wie sonst kaum irgendwo in Deutschland. Genau das sollte die Insel jetzt tun. Und dann den Weg in eine neue, ruhigere Normalität suchen.