Meinung
Leitartikel

Präsidentenwahl in den USA: Joe Bidens steiniger Weg

Dirk Hautkapp,  USA- Korrespondent

Dirk Hautkapp,  USA- Korrespondent

Foto: Privat

Ob Amtsinhaber Donald Trump wirklich die Wahl verliert, ist offen. Sein Kontrahent muss jetzt liefern.

Was wurden vor dem ungewöhnlichsten Krönungsparteitag der Demokraten (seit es Krönungsparteitage gibt) nicht für Schreckensszenarien durchgespielt. Der Burgfrieden zwischen dem betagten Kompromisskandidaten für die Präsidentschaft, Joe Biden, und der progressiven Linken, angeführt von Jungstar Alexandria Ocasio-Cortez, über den Kurs der Partei werde zerbröseln wie Zwieback, prophezeiten Kommentatoren.

Spätestens wenn der Streit über Krankenversicherung, Steuerpolitik und Klimawandel losbricht, wenn Maß genommen wird am Konjunkturpaket, um aus der Corona-Misere zu kommen, würden sich die Appelle Bidens, Einigkeit und Gemeinsinn zur Rettung der „Seele Amerikas“ zu üben, in Luft auslösen. Und so Amtsinhaber Donald Trump wenige Wochen vor der Präsidentenwahl in die Hände spielen.

Falsch. Es gab keinen Streit, jedenfalls nicht öffentlich. Und Regierungsprogramme, an denen man sich hätte reiben können, schon mal gar nicht.

In coronabedingt vier gewöhnungsbedürftig virtuellen Tagen ihrer „convention“ hat die Herausfordererpartei ihre Mobilisierung diszipliniert auf einen einzigen Nenner reduziert: Donald Trump! Muss! Weg!

Nicht allein, weil er einen schlechten Job gemacht hat. „Diese Regierung hat gezeigt, dass sie unsere Demokratie zerstören wird, wenn das nötig ist, um zu gewinnen“, bilanzierte in beispiellos vernichtender Tonlage Barack Obama Tun und Wirken seines Nachfolgers.

Was die Demokraten als Alternative aufbieten, erinnert nicht nur vom Alter her an Adenauers „Keine Experimente“-Strategie und die Persil-Werbung „Da weiß man, was man hat“. Joe Biden. Seit bald 50 Jahren das personifizierte Bohren dicker Bretter in Washington. Der (wirklich) gute Mensch von Wilmington. Ein pastoral klingender Erlöser gegen das Unfähige, das Bösartige, das in der Corona-Misere bisher 175.000 Tote mit autoritärem Gefuchtel zu verdrängen versucht.

Joe Biden als (Groß-)Vater und Retter einer wunden Nation, die der mutwillig betriebenen Spaltung überdrüssig ist und bis weit ins konservative Lager hinein nichts mehr herbeisehnt als ein Abflachen der nervtötenden Erregungskurven, die Trump jeden Tag erzeugt.

Aber reicht das wirklich aus, um Menschen, vor allem Wechselwähler und Unentschlossene, in großer Zahl gegen Trump zu immunisieren und an die Wahlurnen zu bringen?

In den vergangenen 50 Jahren von Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bush I, Bill Clinton, Bush II bis Obama hat Amerika am Ende des Tages immer zweite Chancen verteilt oder sich für „change“ entschieden. Für den Wandel und das ihn verkörpernde, unverbrauchte Gesicht.

Was, wenn nach möglicherweise wackeligen Auftritten Bidens bei den drei TV-Duellen mit dem „Fernsehraubtier“ Trump der komfortable Umfragevorsprung des Demokraten zerrinnt? Wenn die Linke, die beim Parteitag am Katzentisch saß, Dinge auf die Tagesordnung nörgelt, die Trump die Steilvorlage zum törichten, aber vielerorts verfangenden Sozialismusvorwurf geben? Was, wenn sich die horrende Corona-Lage doch stabilisiert – und damit vielleicht auch die von 30 Millionen Arbeitslosen gepeinigte Wirtschaft?

Bis zum Wahlgang am 3. November wird es um das Kleingedruckte gehen. Um Vertrauensvorschüsse und Misstrauensvoten. Wem glaubt Amerika in­stinktiv mehr? Für Joe Biden, der auf einen guten, kraftvollen Parteitag zurückblicken kann, fängt die eigentliche Arbeit jetzt erst an. Wie sieht sein „Zurück in die Zukunft“-Entwurf wirklich aus?

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