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Eine Champions League für Fußball-Romantiker

Alexander Laux leitet das Sportressort des Abendblatts.

Alexander Laux leitet das Sportressort des Abendblatts.

Foto: Mark Sandten

Der vereinfachte Modus mit K.-o.-Spielen entzückt die Fans – es ist Zeit für eine Neuordnung des Wettbewerbs.

Hamburg. „Ich war ja jahrelang Profi. Wichtig ist, seine Grenzen festzulegen“, sagte Hans-Dieter Flick einmal während eines Interviews mit dem Abendblatt, als er noch als Assistent von Joachim Löw in der zweiten Reihe stand. Auf die Frage, wo er selbst Grenzen setze, erzählte der heute 55-Jährige, dass es nach seiner Spieler-Karriere sehr wichtig für ihn gewesen sei, vom ganzen Geschehen Profifußball Abstand zu gewinnen und sich einen Freundeskreis aufzubauen, auf den er sich zu 100 Prozent verlassen könne.

Außerdem eröffnete Flick in den 90er-Jahren in der 6500-Seelen-Gemeinde Bammental in der Nähe seiner Geburtsstadt Heidelberg mit seiner Frau Silke ein Sportgeschäft, in das auch seine Tochter Kathrin einstieg und das bis 2017 bestand. Seine Trainerlaufbahn startete der Coach des FC Bayern München – wo sonst – beim FC Victoria Bammental. Als zweite Erfahrung als Cheftrainer ist nur sein Engagement bei der TSG 1899 Hoffenheim zu nennen, damals ein aufstrebender Regionalligist.

Dass es nun ausgerechnet einem so bodenständigen Menschen und in der Öffentlichkeit dauerunterschätzten Fachmann wie Flick, der den Kosenamen „Hansi“ mit Stolz trägt, gelang, den Vorzeigeclub des deutschen Fußballs in das Finale der Champions League gegen Paris Saint-Germain zu führen, passt ideal zum aktuellen Trend in der Milliarden-Branche Fußball. Wachstumsorgien und die Jagd nach neuen Geldquellen weichen immer mehr der Aufforderung nach mehr Bescheidenheit, Normalität und der Rückbesinnung auf die Werte dieses im Kern so wunderbaren Sports.

Auch in einem leeren Stadion kann sich die Schönheit des Spiels offenbaren

Wenn diese Pandemie für den Fußball bisher etwas Gutes hatte, dann war es die Rückbesinnung darauf, dass es nicht die vielen eitlen Selbstdarsteller auf und neben dem Rasen braucht, um maximalen Erfolg zu haben und vor allem auch die Zuschauer vor dem TV in den Bann zu ziehen. Im Gegenteil. Ich hätte vor einigen Monaten nie geglaubt, dass ich so etwas einmal schreiben würde, aber: Auch in einem leeren Stadion kann sich die Schönheit des Spiels offenbaren.

Das erzwungenermaßen eingeführte Format eines Finalturniers in Lissabon mit K.-o.-Spielen ab dem Viertelfinale lässt Fußball-Romantiker verzückt und wehmütig zugleich an den Europapokal der Landesmeister zurückblicken, den Vorgänger der Champions League. Die jetzt aufgeflackerten Diskussionen, ob solch eine Alles-oder-nichts-Endrunde nicht ein attraktives Modell für die Zukunft sein könne, sind nachvollziehbar. Und ja, ein Turnier könnte und sollte auch 2021 eine ernsthafte Option sein, wenn das Coronavirus die Welt immer noch im Griff hat

Eine dauerhafte Neugestaltung des Wettbewerbs erscheint jedoch unrealistisch bis utopisch zu sein. Im Europapokal sind die Millionen längst wichtiger als die Meinung und Nähe der Fans. Dass die Einschaltquoten in der Champions League nach der Verbannung der Livebilder drastisch abstürzten, im Schnitt waren es 84 Prozent weniger, nahmen die Uefa und auch die Clubs gerne in Kauf angesichts der Verdienstmöglichkeiten.

Sieg im Endspiel wird mit 19 Millionen Euro belohnt

Man muss sich das einmal vorstellen: Einen Sieg am Sonntag vorausgesetzt dürfte sich der FC Bayern Hoffnung auf bis zu 115 Millionen Euro an Prämien machen – über einen Abzug aufgrund ausgefallener Hin- und Rückspiele im Viertel- und Halbfinale ist noch nicht entschieden. Alleine der Sieg im Endspiel wird mit 19 Millionen Euro belohnt – damit kann ein Verein in der Zweiten Liga eine gute Rolle spielen. Abgesehen davon gibt es auch für Fans Argumente, nicht am Modus zu rütteln. Wer wollte nicht die Dramatik live erleben, wie das eigene Team im Rückspiel einen scheinbar uneinholbaren Rückstand wettmacht?

Und dennoch ergibt es Sinn, sich ernsthafte Gedanken über eine Reform des Europacups zu machen – und das betrifft vor allem die Gruppenphase, der mittlerweile jegliche Spannung abgeht. Skeptikern einer möglichen Umsetzung sei gesagt: Geht nicht gibt’s nicht! Oder hätten Sie geglaubt, dass mit Hansi Flick in zwei Tagen jemand die Champions-League-Trophäe hochhalten kann, der einst beim BSC Mückenloch in Neckargemünd das Fußballspielen erlernte?