Meinung
Gastbeitrag

Butter bei die Fische: Betreuungsvakuum beenden

Henning Fehrmann, Vorsitzender des Verbands Die Familienunternehmer in der Metropolregion Hamburg.

Henning Fehrmann, Vorsitzender des Verbands Die Familienunternehmer in der Metropolregion Hamburg.

Foto: Silvia Reimann

Der Betrieb von Schulen und Kindergärten muss auch bei Infektionsausbrüchen gewährleistet bleiben.

So langsam sind die Kinder und Jugendlichen in den meisten Bundesländern aus den Sommerferien zurück in den Schulen und Kitas. In Hamburg sind die Bildungseinrichtungen wieder geöffnet. Coronabedingt jonglieren erwerbstätige Eltern bereits seit Monaten zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice. Die Doppelbelastung der Eltern rechtfertigt die lautstarken Rufe nach Kinderbetreuung in den vergangenen Monaten. Denn neben dem eigenen Arbeitsalltag im Homeoffice ist gleichzeitiges Homeschooling kaum zu bewältigen.

Dass Eltern in dieser Situation manchmal nicht hundertprozentige Leistung bei ihrem Arbeitgeber zeigen konnten, ist daher wenig überraschend. Ein schlechtes Omen für die Wirtschaft: Viele Arbeitnehmer mit Kindern können ihrer Arbeit nicht vollständig nachgehen, was zu Problemen in den Betriebsabläufen führt. Zugleich geht das Betreuungsvakuum auf Kosten der Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen. Nicht nur, dass Bildung zu knapp kommt: Während der Corona-Krise ist der Medienkonsum bei Jugendlichen deutlich gestiegen. Sprich: mehr Zeit für digitale Spiele, soziale Netzwerke und YouTube. Bildung ade!

Wer die Schuld bei den Eltern sucht, hat nichts verstanden. Homeoffice und Kinderbetreuung lassen sich nicht gleichzeitig stemmen. Somit stehen wir nicht nur vor einer Bildungskatastrophe. Vielmehr ist eine wirtschaftliche Erholung mit Betreuungsvakuum nicht möglich. In einer aktuellen bundesweiten Mitgliederumfrage unseres Verbands Die Familienunternehmer sind Mitarbeiter in 58 Prozent der Firmen wegen der Kinderbetreuung nicht oder nur eingeschränkt einsetzbar. Der Betriebsablauf ist bei der Hälfte dieser Betriebe dadurch beeinträchtigt, erheblich beeinträchtigt sind zehn Prozent.

Planungssicherheit mit Blick auf Kinderbetreuung

Erschreckend ist, dass die Mitarbeiter in fast allen betroffenen Unternehmen in Kurzarbeit sind. Dennoch macht sich die eingeschränkte Verfügbarkeit der Eltern deutlich bemerkbar. Deshalb brauchen Unternehmer und Mitarbeiter Planungssicherheit mit Blick auf Kinderbetreuung. Solange das nicht gewährleistet ist, wird kein Regelbetrieb in den Unternehmen stattfinden. Kurzum: wirtschaftlicher Aufschwung? Nur ohne Betreuungsvakuum!

Kinder und Jugendliche sind in Hamburg und Schleswig-Holstein aus den Sommerferien zurück. Das bedeutet: Wir brauchen eine umfassende Unterrichtsversorgung beziehungsweise Kinderbetreuung. So wie in den letzten Monaten kann es nicht weitergehen. Deshalb müssen Konzepte weiterentwickelt werden, mit denen für alle drei denkbaren Szenarien – Normalbetrieb, hybrider Unterricht und digitales Homeschooling – die Voraussetzungen geschaffen werden. Wichtig ist vor allem, dass der Betrieb von Schulen und Kindergärten auch dann gewährleistet wird, wenn Infektionsausbrüche oder eine ansteigende Reproduktionszahl zu verzeichnen sind.

Corona-Krise hat die Schwächen des Bildungssystems offenbart

Außerdem hat die Corona-Krise die Schwächen des Bildungssystems offenbart: fehlende digitale Infrastruktur und Lernkonzepte. Das ist im Jahr 2020 einfach peinlich. Daher ist es jetzt nötig, den 2019 von Bund und Ländern beschlossenen Digitalpakt in Schulen umzusetzen und die versprochenen Mittel durch die Länder zu ergänzen. Gleiches Tempo gilt auch bei zentralen Plattformen und Clouds. Was dabei nicht in den Hintergrund geraten darf: Auch Lehrkräfte müssen aus- und weitergebildet werden, damit sie sich mit den digitalen Lernformaten zurechtfinden.

Hinzukommt: Am 30. September endet die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Das heißt, eine gewaltige Insolvenzwelle rast auf uns zu. Nicht nur, dass Unternehmen mit Umsatzrückgängen, Auftragseinbrüchen und Lieferengpässen zu kämpfen haben. Nein, erwerbstätige Eltern, die ihre Kinder auch nur zeitweise tagsüber betreuen, können parallel ihr gewöhnliches Arbeitspensum nicht schaffen, sodass im Umkehrschluss auch die Unternehmen darunter leiden. Die Schulen und Kitas haben zwar wieder für alle Kinder in Hamburg geöffnet. Ein eingeschränkter Regelbetrieb in Kitas und Uneinigkeit, wie es jetzt in den Schulen genau weitergehen soll, ist jedoch keine dauerhafte Lösung, um Eltern und Unternehmen zu entlasten. Deshalb muss das Betreuungsvakuum endlich geschlossen werden.