Meinung
Leitartikel

Hafenkooperation im Norden: Überfällige Kurskorrektur

| Lesedauer: 3 Minuten
Martin Kopp, Hafen-Expertedes Hamburger Abendblatts

Hamburgs Hafen öffnet sich für norddeutsche Partner – hoffentlich nicht zu spät. Der Vorstoß war lange überfällig.

Hamburgs Hafenstrategie ähnelt einem Stück aus der täglichen TV-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. In guten Zeiten, in den 1990er- und den ersten 2000er-Jahren, als der Hafen noch jährlich zweistellig wuchs, wollte Hamburgs Politik von einer norddeutschen Hafenkooperation nichts wissen. Man konzentrierte sich auf sich selbst und folgte damit einer inneren Logik. Im Zuge des rasant steigenden Welthandels und der zunehmenden Produktionsteilung wuchsen die Ladungsströme derart, dass jeder Seehafen in Nordeuropa genug Container abbekam, um daran zu verdienen.

Hamburg hatte zudem den besonderen Vorzug einer exzellenten Verbindung ins Hinterland, mit der Waren schnell vom Hafen ins übrige Deutschland oder nach Osteuropa transportiert werden konnten.

Vorstoß des Wirtschaftssenators macht Sinn

Doch die anderen Häfen haben diesen Nachteil bereits wettgemacht oder sind dabei, ihn aufzuholen. Sie elektrifizieren die wichtigen Schienenwege und bauen die Straßenkapazitäten aus. Die Ladung suchte sich folglich andere Wege als über Hamburg – und damit begannen die schlechten Zeiten. Hinzu kamen schwächere Rahmenbedingungen. Produktionsteilung und Containerisierung sind ausgereizt. Der Welthandel wächst nicht mehr so stark. Jetzt muss jeder Hafen um auskömmliche Ladungsmengen kämpfen. Da folgt Hamburgs Politik auch einer inneren Logik, wenn sie sich jetzt Partner für ihren Hafen sucht. Vor diesem Hintergrund macht der Vorstoß von Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) Sinn, der im Abendblatt-Gespräch eine engere Zusammenarbeit der norddeutschen Häfen gefordert hat.

Warum kommt Vorstoß erst jetzt

Die Frage ist nur: Warum kommt dieser Vorstoß erst jetzt? Mehrfach hatten Niedersachsen und Bremen den Hamburgern in der Vergangenheit die Hand gereicht, immer wieder wurde sie zurückgewiesen. Jetzt in der Not – gar in Corona-Zeiten, wo jede Hafenfirma gegen den stark rückläufigen Seehandel kämpft – ist es eigentlich schon zu spät, sich nach einem starken Arm zu strecken, der einen stützen kann. Was hätte man alles erreichen können, hätte Hamburg sich schon vor 20 Jahren bei diesem Thema offener gezeigt!?

Zudem stellt sich die Frage, was genau Hamburg mit einer solchen Zusammenarbeit der Seehäfen bezwecken will. Im Grundsatz ist es richtig, dass man sich, wenn man schon unter der Konkurrenz ausländischer Häfen wie Rotterdam und Antwerpen leidet, nicht auch noch im eigenen Land gegenseitig Ladungsmengen abjagt. Die Richtung von Westhagemann stimmt also, aber das allein ist noch keine Agenda.

Hafenverantwortlichen kooperieren schon lange

Unter dem Begriff „Hafenkooperation“ lässt sich vieles subsumieren. Die Umweltverbände haben diesen Begriff geprägt, um gegen die ihrer Meinung nach überflüssige Elbvertiefung vorzugehen. Große Schiffe könnten im Tiefwasserhafen Wilhelmshaven abgefertigt werden, kleinere Schiffe in Hamburg oder Bremen. Aber kann man Reedern vorschreiben, wohin sie ihre Schiffe zu lenken haben? Fragt man die Hafenverantwortlichen, dann antworten diese: „Wir kooperieren doch schon lange. Wir haben im Ausland eine gemeinsamen Marketingauftritt.“

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Aber das alleine kann es doch auch nicht sein. Oder will man in einen gemeinsamen Preiskampf gegen Rotterdam und Antwerpen eintreten, um Ladung zu gewinnen? Das könnten die Kartellbehörden als einen Fall illegaler Preisabsprachen ansehen.

Es sind also noch viele Fragen zu beantworten, die man eigentlich schon viel eher hätte stellen müssen. Hamburgs Politik hat sich darauf verlassen, dass es im Hafen ewig weiter gut läuft. Das war ein Trugschluss und rächt sich nun.

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