Meinung

Königsklasse? Leider geil!

Kai Schiller ist Chefreporter beim Hamburger Abendblatt.

Kai Schiller ist Chefreporter beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Michael Rauhe / HA

Wer seinen moralischen Fußball-Kompass einigermaßen justiert hat, der konnte dieses Champions-League-Turnier in Lissabon eigentlich nur ablehnen. Dieses von der Uefa durchgedrückte Finalturnier vor leeren Rängen mit den übermächtigen Bajuwaren, der Betriebsmannschaft des Brausekonzerns aus Leipzig, dem Katar-Team aus Paris und der Abu-Dhabi-Filiale aus Manchester. All das kann man nicht ernsthaft gutheißen – und schon gar nicht gut finden.

Oder doch? So sehr ich diesen Kommerzkick in Portugal ignorieren möchte, so wenig gelingt mir das. Bergamo gegen Paris? Ein Spiel, das ich mir früher niemals angeschaut hätte – und dessen Tore in der Nachspielzeit mich explodieren ließen. Leipzig gegen Atlético Madrid? Habe ich heimlich von Anpfiff bis Abpfiff genossen. Barcelona gegen Bayern? Ein Jahrhundertspiel, über das man trotz aller Umstände lange schwärmen wird. Und Manchester City gegen Lyon: Habe ich ernsthaft auf dem Balkon von der ersten bis zur letzten Sekunde gesehen.

"Leider geil" ist der Soundtrack zum Spiel

Wenn man meine Gefühlswelt nach dem Viertelfinale der Königsklasse, das ich gar nicht gucken wollte und dann verschlungen habe, mit einem Songtext unterlegen wollen würde, dann mit dem der Hamburger Hip-Hop- und Elektropunkband Deichkind: Leider geil!

Der WM-EM-Modus, der im krassen Kontrast zu den langweiligen Gruppenspielen für einmalige Spannung sorgt, ist tatsächlich leider geil. Hoffnungen, dass die Uefa aus diesem unverhofften Spektakel lernt und den Modus im Sinne der Fans auch nach Corona ändert, tendieren allerdings gen null. Das kann und muss man kritisieren. Aber ausnahmsweise erst nach Halbfinale und Endspiel.