Meinung
Gastbeitrag

Wie sieht die Zukunft der digitalen Bildung aus?

| Lesedauer: 4 Minuten
Arno Rolf
Arno Rolf ist Professor für Informatiksysteme in Organisationen und Gesellschaft an der Universität Hamburg.

Arno Rolf ist Professor für Informatiksysteme in Organisationen und Gesellschaft an der Universität Hamburg.

Foto: Arno Rolf

Der Hamburger Informatiker und Autor Arno Rolf über die zunehmende Wichtigkeit von Daten und die Herrschaft über sie.

Im Kern bedeutet Digitalisierung die unaufhaltsame Verwandlung von Dingen und Handlungen in Daten. Dafür einige Beispiele: Bücher verlieren nach und nach durch E-Books ihren materiellen Charakter; Kauf und Speicherung von Tickets für Bahn, Flüge und Events sind heute über Daten abgewickelte Dienstleistungen; selbst die Partnersuche erfolgt nicht selten über Dating-Agenturen; neue attraktive Bedürfnisse werden auf der Basis von Daten geweckt, siehe Facebook und Googles Suchmaschine.

Wir haben akzeptiert, dass diese Transformation primär von den amerikanischen Big Five Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft kontrolliert wird. Um ihre ursprünglichen Kernprodukte herum haben sie eine Vielzahl von Angeboten entwickelt und Start-ups aufgekauft. Außerdem gehen sie Allianzen mit traditionellen Weltmarktkonzernen ein. Mit ihren Plattformen beherrschen sie große Teile der globalen Ökonomie.

Weil kaum einer zur Gruppe der digitalen Eremiten zählen will, sind wir mit unseren Smartphones, Tablets oder Laptops Teil dieses Systems. Wir übernehmen die Rolle der Datenlieferanten. Ganz nebenbei fallen Plattformen wie Google & Co. durch Entstofflichung und Datentransfer „Sterntaler in den Schoß“, Big Data genannt. Daten gelten heute als zusätzliche Währung, aus ihnen können Geschäftsmodelle entwickelt werden.

Die „Taler“ bestehen aus Namen, Adressen, Konsumgewohnheiten, Beziehungen, Informationen in privaten Netzwerken und vielem mehr, eben was Nutzer im Internet so hinterlassen. Mittels Algorithmen werden sie auch für die Zwecke Dritter genutzt. Facebook interessiert sich für 97 private Datensätze, beispielsweise für Nutzer, die sehr viel Alkohol kaufen. Nachschub erhält Facebook auch dadurch, weil viele Webseiten und Apps Informationen mit Facebook teilen. So lässt sich die Persönlichkeit des Nutzers in seiner Einzigartigkeit wie seinen Bedürfnisse auslesen. Man nennt das Data Analytics. Wir halten fest: Der Digitalisierung wohnt ein logischer Prozess inne. Er beginnt mit der Verwandlung in Daten; die Ernte wird vor allem über die „Datenscheunentore“ der Big Five eingefahren und dann über Data Analytics in seine wertvollen Substanzen zerlegt, aus denen neue Geschäftsmodelle erdacht werden. Möglichkeiten der Einhegung dieser Logik durch Regulierungen werden vor allem unter Datenschutzaspekten diskutiert. Ebenso wichtig ist, wie wir unseren Nachwuchs in Schulen und Hochschulen auf diese Herausforderungen vorbereiten können.

Die Zukunft der digitalen Bildung könnte Data Literacy Education sein. Es geht darum, Studierenden die Fähigkeit zu vermitteln, selbst Daten zu sammeln, zu managen, zu bewerten und anzuwenden. Das Konzept wächst seit Kurzem an einigen Hochschulen heran - auch in Hamburg und Lüneburg. Im Fokus stehen, was auf den ersten Blick überraschen mag, nicht nur Informatiker, sondern Studierende der Medizin wie der Geistes-, Wirtschafts-und Sozialwissenschaften. Sie sollen Werkzeuge der Datenanalyse, Basiswissen über Algorithmen, Programmierung und künstliche Intelligenz kennenlernen.

Damit werden sie in der Lage sein, in Daten, die in ihren Bereichen anfallen, verborgene Muster zu erkennen, es geht um „das Sichtbarmachen der Unsichtbarkeit“, wie der Sozialwissenschaftler Armin Nassehi es nennt.

So lassen sich immer mehr „Geheimnisse“ entdecken: in der Ökonomie, in der Medizin, aber eben auch im Privatleben. Das Netz dringt, noch einmal Nassehi, „von außen in die Privatsphäre ein – wo es nichts zu suchen hat, aber viel zu finden gibt“. Es rückt auch die Zerstörung der unsichtbaren Membran von Welt und Privatheit, in der wir geschützt leben wollen, in den Fokus.

Die Hochschulen sind gefordert, die Data Literacy Education nicht nur als Informatikausbildung für Fachfremde zu betrachten, sondern sie mit ökonomischen, rechtlichen und ethischen Herausforderungen zu verbinden. Dieser interdisziplinäre Ansatz wird Studierenden sehr gute berufliche Chancen ermöglichen.

Zugleich werden so in viele Branchen die oft angemahnten digitalen Kompetenzen einsickern können. Es ist zu erwarten, dass dieses Konzept sich über kurz oder lang auch in Schulen verbreiten wird.

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