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Die erste Präsidentin?

Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp, US-Korrespondent

Dirk Hautkapp, US-Korrespondent

Foto: Privat

Joe Bidens Stellvertreterin könnte Amerika prägen.

John Adams hatte nichts als bitteren Spott für seinen Job übrig: „In seiner Weisheit hat mein Land für mich das unbedeutendste Amt geschaffen, das sich Menschen jemals ausgedacht oder vorgestellt haben“, sagte der erste Vizepräsident Amerikas (1789–1797).

Was vielleicht daran liegt, dass die US-Verfassung dem „Veep“ bis auf zeremonielle Obliegenheiten und eine Schiedsrichterfunktion im Senat kaum Einfluss zubilligt. Nur wenn der Chef Macht abgibt, wie dies Bill Clinton bei Al Gore getan hat, hinterlässt der Vize nachhaltigen Eindruck. Oder wenn der erste Mann früh ablebt. Nach dem Mord an John F. Kennedy rückte binnen zwei Stunden Lyndon B. Johnson nach.

In diesem Wahljahr ist vieles ähnlich – und doch ganz anders. Nicht nur, dass Joe Biden, der Herausforderer des Amtsinhabers Donald Trump, am 3. November mit einer Frau ins Rennen gehen wird. Das hat es bisher nur zweimal (erfolglos) gegeben – Geraldine Ferraro 1984 und Sarah Palin 2008.

Biden (77) wäre am Ende seiner ersten Amtszeit 82 Jahre alt. Da er sich als „Übergangskandidat“ bezeichnet, dürfte er keine zweite Wahlperiode anpeilen. Also kommt der Personalie die Bedeutung eines vorgezogenen Vorstellungsgesprächs mit dem amerikanischen Volk zu. Denn nach Washingtons Machtlogik wäre Bidens „running mate“ erste Anwärterin für die Anschlusskandidatur der Demokraten 2024. Oder um es mit Claire McCaskill zu sagen, einst demokratische Senatorin aus Missouri: „Es geht um die erste Präsidentin Amerikas.“ Und weil sechs der Kandidatinnen Afroamerikanerinnen sind, könnten die USA in naher Zukunft die erste schwarze Präsidentin bekommen.

John Adams hätte heute kolossal unrecht. Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin könnte die US-Politik über das nächste Jahrzehnt hinaus prägen.

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