Meinung
Leitartikel

Schulen: Dieses Experiment ist überfällig

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

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Foto: Reto Klar

Die Schulöffnungen kommen zu spät. Der Bildungsnotstand ist die vielleicht gefährlichste Folge der Corona-Krise.

Man stelle sich vor, Hamburgs Bildungspolitik würde in Berlin gemacht. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU), qua Amt oberste Kämpferin für Bildung und Wissenschaft, sieht sich offenbar eher als oberste Seuchenbekämpferin. Ende April fiel sie mit der mit Verlaub seltsamen Ansage auf, ein Regelbetrieb an Deutschlands Schulen sei erst nach Erfindung eines Impfstoffs möglich.

Nun meldete sie sich erneut als Bedenkenträgerin zu Wort. Und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach unkt über den Normalbetrieb an den Schulen als ein „sehr großes Wagnis, das man wohl nicht lange durchhalten wird“.

Bildungsnotstand als vielleicht gefährlichste Folge der Corona-Krise

Die Frage ist nur, wie lange Deutschland den Bildungsnotstand durchhalten will? Dieser ist schon jetzt eine der vielleicht gefährlichsten Spätfolgen der Corona-Krise: Ganze Jahrgänge haben Monate verloren, einen Rückstand, den sie womöglich in ihrem Leben nicht mehr aufholen können: Der Bildungsökonom Ludger Wößmann rechnet vor, dass das verlorene Drittel eines Schuljahres sich im ganzen Erwerbsleben niederschlagen wird – mit einem niedrigeren Erwerbseinkommen von drei bis vier Prozent.

Er sagt: „In der empirischen Wirtschaftsforschung gibt es kaum robustere Befunde als den positiven Einfluss von Schulbesuch und Kompetenzerwerb auf wirtschaftlichen Wohlstand.“

Besonders betroffen sind die bildungsfernen Schichten, die überdurchschnittlich unter der ultralangen Pause an den Schulen leiden. Eigentlich seltsam, dass die Gewerkschaft GEW, die sonst stets von Bildungsgerechtigkeit spricht, in diesem Kontext so vernehmlich schweigt.

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Schüler vergessen Stoff, Migranten verlernen Deutsch

Zudem sind viele weitere Folgen des langen Stillstands noch nicht einmal erkannt – vom übermäßigen Medienkonsum über psychische Probleme bis hin zu Misshandlungen. Pädagogen berichten, dass Schüler viel Stoff vergessen und Migranten Deutsch verlernt haben. Und Ökonomen warnen, dass die Wirtschaft leidet, wenn Eltern zu Hause neben der Arbeit unterrichten müssen.

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Es ist gut, dass die Hansestadt mit Ties Rabe (SPD) einen Schulsenator hat, der sich nicht von den vielen Bedenkenträgern leiten lässt: Gewerkschafter und Berufsverbände fürchten um die Gesundheit der Lehrer, Eltern um die Gesundheit der Kinder, Schuldirektoren um den vernünftigen Ablauf des Schulalltags.

Alle Sorgen sind verständlich, aber die Probleme sollten lösbar sein: Risikogruppen gibt es nicht nur bei Pädagogen, sondern auch in Krankenhäusern und Supermärkten – zur Not lässt sich auch mit besonderen Schutzmasken arbeiten. Von den über 60-jährigen Lehrern haben zuletzt aber nur zwei bis drei Prozent den Präsenzunterricht verweigert. Die übergroße Zahl der Pädagogen kann es nicht mehr erwarten, endlich wieder vor der Klasse zu stehen.

Masken nerven, erinnern aber an das Infektionsrisiko

Wenn sich die Schulen an die grundlegenden Hygieneregeln halten, muss Regelunterricht möglich sein. Die Masken mögen nerven, aber sie erinnern die Schüler an das Infektionsrisiko. Viele Studien deuten darauf hin, dass gerade jüngere Kinder das Virus kaum verbreiten. In Dänemark lief der Schulbetrieb seit Ostern wieder an, ohne dass sich die Infektionsrate erhöht hätte.

Auch in Hamburg hatten die Kitas, die im Notbetrieb durchgängig geöffnet waren, keinen auffälligen Einfluss auf das Infektionsgeschehen. Die neue Dynamik kommt offenbar eher durch Weltreisen und grassierenden Leichtsinn. Darunter dürfen Kinder und Jugendliche nicht leiden – anders als Fitnessstudios sind Schulen und Universitäten systemrelevant. Sie zu öffnen muss höchste Priorität haben.

Deshalb ist es richtig, dass Hamburg den Regelbetrieb wagt. Man mag das für ein Experiment halten – aber es ist eines, das angesichts der Alternativen vor allem eines ist: alternativlos.

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