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91 Tage ohne Lohn für Männer – und 166 für Frauen

| Lesedauer: 4 Minuten
Iris Mydlach
Iris Mydlach ist stellvertretende Chefin der Sport-Redaktion.

Iris Mydlach ist stellvertretende Chefin der Sport-Redaktion.

Foto: Mark Sandten / Mark Sandten / FUNKE FOTO SERVICES

Warum jetzt in der Pandemie der beste Zeitpunkt dafür ist, die strukturelle Ungleichbehandlung im Profisport endlich anzugehen.

Hamburg. Eine Pandemie, so schrieb vor Kurzem das renommierte amerikanische Magazin „The New Yorker“, bedeute ja nicht nur einen für eine Gesellschaft schwer zu ertragenden Ausnahme­zustand. Sondern versorge eben diese Gesellschaft mit einer Art Röntgenbild – das gnadenlos alle Schwach- und Pro­blemstellen offenbare.

Mit Fug und Recht darf man auch im Jahr 2020 noch behaupten, dass die Geschlechtergerechtigkeit eine der größten Baustellen unserer Gesellschaft darstellt. Und weil das so ist, sind Frauen im Jahr 2020 auch leider die größten Verlierer der Corona-Krise. Das hat einfache Gründe: Unter Kurzarbeit leidet stärker, wer weniger verdient, und wer weniger verdient, hat weniger Rücklagen, fällt dementsprechend tief. Aber wie ist das eigentlich mit dem Sportbusiness?

Profisportlerinnen schon vor Corona benachteiligt

Wer als Frau den Beruf Profisportlerin gewählt hat, wird per Geschlecht benachteiligt. Frauen verdienen im Sport einen Bruchteil von dem, was die Männer verdienen; sie machen gerade einmal vier Prozent der medialen Berichterstattung aus. Kurz gesagt: Sie sind Kummer gewohnt. Und haben, so gesehen, während der Corona-Krise einfach ein bisschen mehr vom Pech gehabt als die Männer. Man könnte es aber auch so sehen: Genau jetzt ist der Moment, einmal in aller Ruhe auf das Röntgenbild zu schauen. Auf alle Schwach- und Problemstellen.

Caroline Masson hat dies zum Beispiel getan, Deutschlands beste Golferin. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieb sie vor 14 Tagen, wie sie den Re-Start ihrer Sportart betrachtete – nämlich als Außenstehende. Los ging es im Juni nur für die Männer, bei der Charles Schwab Challenge in Fort Worth, Texas. „Das Gute ist, wir können uns mal anschauen, wie das bei den Herren läuft“, sagte Masson, auf ihre Gedanken zum Re-Start angesprochen. „Aber wir haben jetzt auch kein Geld verdient, da ist es für viele natürlich frustrierend, die Männer spielen zu sehen.“

Sportlerinnen waren 166 Tage ohne Job

91 Tage ohne Job für die Männer, 166 Tage für die Frauen – vielleicht hat keine Zahl die strukturelle Benachteiligung im Sportbusiness 2020 besser auf den Punkt gebracht als diese. Warum im Golfsport nicht synchron gestartet wurde? „An erster Stelle steht wie so oft das Geld“, erklärte Masson. „Die Tour der Männer hat, so scheint es, unendliche finanzielle Möglichkeiten. (...) Das alles ist für unsere Tour nicht zu stemmen.“

Im Fußball sind die strukturellen Benachteiligungen ähnlich eklatant. Es war Ende Mai, als in Deutschland die Frauenfußball-Bundesliga ihren Wiederauftakt feierte – als einzige weibliche Liga Europas. Die ehemalige HSV-Stürmerin Anna Blässe sagte dem Abendblatt, dass sie das auf der einen Seite sehr stolz mache – sie andererseits nun aber hoffe, dass der DFB endlich sein Versprechen wahr mache und in die Frauen und ihre Strukturen investiert.

Noch immer gibt es im deutschen Frauenfußball Stadien ohne Rasenheizung und/oder Flutlicht, eine TV-Übertragung von Abendspielen ist schon allein deshalb nicht möglich. Die Trikots? Waschen viele Frauen in der Bundesliga nach wie vor selbst.

Nicht jede Profispielerin kann vom Fußball leben

Und noch immer gibt es Spielerinnen, die nicht vom Fußball leben können, die nebenbei arbeiten und für den Re-Start im Frühsommer einiges auf sich nehmen mussten. Als das Auftaktspiel VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln dann aber am 29. Mai tatsächlich über die Bühne gehen konnte, wurde es sogar live im englischen Sportfernsehen übertragen.

„Weil halt wirklich nichts anderes lief“, kommentierten zynisch die einen. Die anderen sprachen von einer „unvergleichlichen Chance für den deutschen Frauenfußball“.

Der Röntgenbild-Vergleich im „New Yorker“ war übrigens eingebettet in ein Stück über die italienische Historikerin Gianna Pomata. „Einerseits wirkt eine Plage wie eine Säure“, sagte Pomata mit Blick auf die Pest-Pandemie im 14. Jahrhundert. „Andererseits versuchten viele Menschen, neue Beziehungen aufzubauen.“ Eine Reaktion, die sie jetzt auch beobachte: Menschen fingen an, neu zu denken, besser zuzuhören. In jeder Krise steckt die Chance des Neubeginns. Die Möglichkeit, Schwachstellen zu erkennen, sie einzugestehen. Und sie auszumerzen. Wann, wenn nicht jetzt?

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