Meinung
Meine wilden Zwanziger

Mädels an die Macht!?

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Ja, es ist gut, wenn sich bei Instagram Frauen auf der ganzen Welt zusammenschließen. Aber soziale Medien können auch anders ...

Hamburg. In diesen Tagen ist mir bei Instagram eine interessante neue Bewegung begegnet. Frauen aus den unterschiedlichsten Teilen dieser Erde haben Schwarz-Weiß-Fotos von sich gepostet und sie mit den Worten „Challenge accepted“ und dem Hashtag #WomenSupportingWomen versehen.

Die Kampagne soll Frauen darin bestärken, sich gegenseitig zu unterstützen. Indem sie einander aufforderten, unter diesem Motto Fotos von sich zu teilen, lösten sie eine Kettenreaktion im Netz aus. Fast acht Millionen Bilder wurden bereits in die Welt gesendet. Instagram-Nutzerinnen beweihräucherten sich, wie wunderbar, stark und einzigartig Frauen doch seien. Dabei fielen die Schlagworte: Frauenpower. Sisterhood. Mädels an die Macht. Liebe für alle.

Ohne Zweifel: Ich finde es absolut großartig und enorm wichtig, dass Frauen sich gegenseitig den Rücken stärken. Doch würde ich mir wünschen, dass sie es nicht nur bei Social Media täten, sondern auch im realen Leben.

Jede Menge Frauen haben im täglichen Leben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Viele wissen, wie ungerecht es sich anfühlt, trotz gleicher Arbeit weniger Geld zu verdienen als ein Mann. Wie abstoßend es ist, in der Disco eine fremde Hand am Hintern zu spüren, obwohl man ganz sicher keine Einladung ausgesprochen hat.

Etliche Frauen können nachempfinden, wie es einen runterzieht, dem gängigen Schönheitsideal hinterherzulaufen. Sie kämpfen gegen veraltete Rollenbilder, Optimierungswahn, sexuelle Belästigung. In der Sache sind sie vereint – und doch gehen Frauen zu häufig getrennte Wege. Und bestärken einander eben nicht, wie sie es in der geschönten Instagram-Welt vorgeben.

Schon zu Schulzeiten habe ich miterlebt, wie Mädchen sich gegenseitig das Leben schwer machten. Statt sich wie die Jungs draußen auf dem Schulhof zu prügeln, wenn es Stress gab, setzten Mädels eine andere, viel machtvollere Waffe ein: Sie ignorierten sich. Dazu brauchten sie nicht einmal einen triftigen Grund. Eine Portion Missgunst reichte. Für mich gab es damals nichts Schlimmeres, als von einer vermeintlich guten Freundin ignoriert zu werden. Ich wäre lieber von ihr angeschrien worden.

So oft habe ich mich zu Hause ausgeheult. Während sich die Mädchen später in der Oberstufe im Sprachprofil, in dem es nur drei Jungs gab, weiter bekriegten, war ich heilfroh, in der Jungenklasse gelandet zu sein. Heute, mit gut zehn Jahren Abstand, mögen diese Klein-Mädchen-Probleme lächerlich erscheinen. Damals waren sie prägend.

Der immer noch existierende Konkurrenzdruck unter Frauen wird durch Social Media noch befeuert. Durch die tägliche Ration perfekt inszenierter Modelporträts vergleichen sie sich umso mehr miteinander – die Wurzel allen Übels. Eine tendenziell mit sich unzufriedene Frau wird noch verzweifelter. Warum bin ich nicht so schlank? Warum habe ich nicht so schöne Kurven? Warum habe ich nicht so reine Haut? Dabei ist sie meistens blind für ihre eigene Schönheit.

Um sich besser zu fühlen, reagieren viele Frauen damit, andere schlecht zu machen. Und das ist etwas, das ich einfach nicht begreife: Macht es mich wirklich zu einem glücklicheren, zufriedeneren Menschen, wenn sich andere genauso mies fühlen wie ich? Wäre es nicht viel schöner, wenn man sich auf seinem Weg ermutigt? Und irgendwann alle glücklich wären?

Bei diesem Thema besteht die große Gefahr der Verallgemeinerung. Denn es gibt genauso gut ganz wunderbare Beispiele von Frauen, die zusammenhalten. Sich füreinander freuen können und sich von Herzen nur das Beste wünschen. Die #MeToo-Debatte wäre niemals so groß und mächtig geworden, hätten sich weltweit nicht so viele Betroffene zusammengeschlossen, um auf sexuelle Belästigung und Übergriffe aufmerksam zu machen. Die Welt verändern kann nie ein einzelner Mensch allein. Gleichberechtigung können nur viele Frauen gemeinsam erreichen.

Aus diesem Grund kann man auch die jetzige Bewegung #WomenSupportingWomen als guten Anfang betrachten. Sie zeigt, wie viele Frauen sich mehr Zusammenhalt wünschen. Er muss nur gelebt werden. Da gehört ein wenig Arbeit zu, vor allem an sich selbst. Aber dann sollte Frauenpower, Sisterhood und Liebe für alle doch kein Problem mehr sein.

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