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Die olympische Idee ist es wert, um sie zu kämpfen

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Sport-Redakteur Björn Jensen
Sport-Redakteur Björn Jensen (44) hofft weiterhin auf die Reise nach Tokio.

Sport-Redakteur Björn Jensen (44) hofft weiterhin auf die Reise nach Tokio.

Foto: Andreas Laible

Forderungen nach einer Absage der Tokio-Spiele 2021 sind verfrüht und kontraproduktiv für alle, denen Olympia etwas bedeutet.

Hamburg. Wäre es nicht über die Welt gekommen, das Coronavirus, dann hätte an dieser Stelle heute ein anderer Text gestanden. Ein Text über die Bedeutung Olympias für den Sport, die Wirtschaft, die Weltgesellschaft. Ein Text auch über die Kritik am Internationalen Olympischen Komitee (IOC), an dessen Hang zum Gigantismus und all den Auswüchsen, die die Kommerzmaschine im Zeichen der fünf Ringe ausgeprägt hat. Denn heute wären sie feierlich eröffnet worden, die 32. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit in Japans Hauptstadt Tokio.

Nun hat Corona die Welt verändert, und deshalb bestimmen heute ganz andere Themen die Debatten unter denen, für die Sport Passion, Beruf oder gar Lebenselixier ist. Aus Japan, das die Jugend der Welt nun vom 23. Juli bis 8. August 2021 empfangen soll, ist zu vernehmen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Austragung des größten Sportereignisses der Welt ablehnt. 36,4 Prozent wollen eine erneute Verschiebung und 33,7 Prozent sogar eine Absage. In Deutschland erwartet laut einer anderen Umfrage jeder Zweite, dass die Spiele nicht wie geplant durchgeführt werden können.

Selbstverständlich darf in diesem Land jeder Mensch seine Meinung äußern, natürlich auch auf Nachfrage professioneller Institute. Gestattet sei jedoch auch diese Frage: Welchen Nutzen haben diese Umfragen? In einer Zeit, in der jedes Bundesland eigene Corona-Regelungen erhebt, in der niemand mit Sicherheit sagen kann, ob nächste Woche noch gilt, was heute Gesetz ist – in einer solchen Zeit ist es schlichtweg unseriös und überflüssig, die Diskussion über die Absage einer Veranstaltung zu eröffnen, die ein Jahr in der Zukunft liegt.

Die Leidtragenden solcher Kaffeesatzleserei sind die, die in den kommenden Monaten alle Kraft bräuchten, um sich auf die Mammutaufgabe zu stürzen, die die Verlegung Olympischer Spiele ihnen aufbürdet. Es sind die Organisatoren in Tokio, die es immerhin bereits geschafft haben, alle 42 Wettkampfstätten und auch das Olympische Dorf für das kommende Jahr nutzbar zu halten, was angesichts bestehender Anschlussverträge mit Nachnutzern beachtlich ist. Es sind die nationalen und internationalen Sportverbände weltweit, die versuchen müssen, ihre Klientel bei Laune zu halten und ihre Terminkalender anzupassen. Es sind aber vor allem die Sportlerinnen und Sportler, für die Olympische Spiele das einzige Schaufenster darstellen, um sich alle vier Jahre einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können.

Für die meisten von ihnen wäre die Schließung dieses Schaufensters eine persönliche Tragödie, für viele auch eine wirtschaftliche. Natürlich darf niemals leichtfertig die Eindämmung der Pandemie aufs Spiel gesetzt werden, nur damit Sponsoren zu ihrem Recht kommen und das IOC und seine Anhängsel zu Geld. Aber genauso fahrlässig ist es, leichtfertig über die Absage der Sommerspiele zu schwadronieren, als wäre es ein Date zum Abendessen beim Japaner um die Ecke. Nicht nur die Milliarden an Organisations- und Entschädigungskosten hängen an dieser Entscheidung, sondern auch die Schicksale Tausender junger Menschen, die auf ein Ziel hinarbeiten, das viele von ihnen nur einmal im Leben erreichen können.

Das IOC hat für sein langes Abwarten vor der Verschiebung der Tokio-Spiele viel Kritik einstecken müssen. Zu Unrecht, denn eine Entscheidung von solcher Tragweite muss unter Einbeziehung aller Eventualitäten gefällt werden. Das war in diesem Frühjahr der Fall, und es wird auch im kommenden Frühjahr so sein. Bis dahin ist jede Umfrage, jede schnell ausgesprochene Absageforderung nicht zielführend.

Lassen wir stattdessen all diejenigen, denen Olympische Spiele etwas bedeuten, darauf hinarbeiten, dass das Turnier 2021 in einem sicheren Umfeld stattfinden kann, wie auch immer das dann aussehen mag. Denn eins bleibt Tatsache: Die olympische Idee ist es allemal wert, dass man für sie kämpft. Und dass hoffentlich in einem Jahr an dieser Stelle der Text erscheint, den es heute schon hätte geben sollen.

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