Meinung
Die wilden Zwanziger

„Ich berühr den Himmel“

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (27) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (27) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Jeder Mensch hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Doch wir müssen erst wieder das Zuhören lernen.

Hamburg. In der vergangenen Kolumne habe ich geschrieben, dass die Corona-Pandemie wieder einmal sichtbar gemacht hat, dass vor allem die Menschen gehört werden, die laut sind. Gastronomen, Veranstalter oder Eltern haben in Fernsehtalkrunden ihr Leid kundgetan und sich eine Lobby erarbeitet. Die leiseren Stimmen von Randgruppen, wie zum Beispiel geistig behinderte Menschen, wurden dabei einmal mehr überhört. Dabei durchleben sie gerade eine verdammt harte Zeit, weil sie zum Teil immer noch vom Rest der Welt isoliert sind. Doch wenn man niemanden mit Behinderung in seinem Umfeld kennt, hat man ihre Not sehr wahrscheinlich nicht mitbekommen.

Daraufhin habe ich viele Leserbriefe von Ihnen bekommen (von Herzen danke!). Überwiegend pflegende Angehörige haben mir ihre Geschichten erzählt, berichtet, wie sie die Corona-Zeit überstehen, und mir Bilder von sich und ihren Lieben mit einer Behinderung geschickt. Arnold Schnittger sendete mir sein Buch „Ich berühr den Himmel“. Darin schreibt der Vater von einer Reise, die er gemeinsam mit seinem körperlich und geistig behinderten Sohn Nico angetreten ist. Er hat ihn im Rollstuhl durch Deutschland geschoben. 1100 Kilometer zu Fuß. Von Flensburg bis zum Bodensee. Mit der Mission: anderen Menschen zu begegnen und auf die schwierige Pflegesituation aufmerksam zu machen.

Die Briefe, in denen so viel Liebe für behinderte Menschen steckte, haben mir gezeigt, wie wichtig es für jeden einzelnen ist, wahrgenommen zu werden. Ob nun Gastronom, Veranstalter oder eben ein Mensch, der „ein bisschen schief ins Leben gebaut wurde“, um es mit Arnold Schnittgers Worten zu sagen. Mich beeindrucken behinderte Menschen immer wieder aufs Neue. Und trotzdem wird ihnen zu wenig Gehör geschenkt. Deswegen möchte ich Ihnen, den pflegenden Angehörigen und all den Helfern aus Einrichtungen und Vereinen, die sich um sie sorgen, nochmals diese Zeilen widmen.

An meinem Job als Journalistin faszinieren mich besonders die Menschen, die ich treffe. Auch wenn viele von ihnen der festen Überzeugung sind, sie seien doch gar nicht interessant genug, um in der Zeitung aufzutauchen. Ich bin der Meinung: Absolut jeder Mensch hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Ihnen muss nur zugehört werden. Und das ist ein Problem, das mir immer häufiger im Alltag auffällt: Die Fähigkeit, sich für andere Menschen ehrlich zu interessieren und ihnen zuzuhören, schwindet bei vielen.

Bei manchen Treffen mit Freunden habe ich das Gefühl, ich muss mich kurzhalten, damit ihre Aufmerksamkeit bis zum Ende der Story reicht. Man muss es wie die „Tagesschau in 100 Sekunden“ machen – einfach das wichtigste Geschehen des Tages knapp zusammenfassen, damit es in den durchgetakteten Alltag der gestressten Bevölkerung passt.

Leider bemerke ich auch bei mir, dass meine Gedanken hin und wieder während Erzählungen anderer einen Ausflug in weite Ferne machen. Nicht etwa, weil mein Gegenüber langweilig ist, sondern weil ich unentspannt bin. So geht es mir ganz besonders bei Treffen vor oder nach anstrengenden Arbeitstagen. Dann schaffe ich es häufig nicht, richtig abzuschalten. Das ist übrigens ein Grund, warum ich mich nur selten dienstagabends verabrede: Meistens bin ich dann gedanklich schon beim Schreiben der Kolumne am nächsten Tag. Wenn ich mich trotzdem mit einer Freundin treffe und womöglich über das Thema des Artikels spreche, passiert es manchmal, dass ich in meinem Kopf schon Sätze vorformuliere. Damit nerve ich nicht nur meine Mitmenschen, sondern auch mich selbst. Nebenbei ist es furchtbar unhöflich, nur mit einem Ohr lieblos zuzuhören. Manchmal kann ich es aber nicht besser.

Dass einem das Zuhören nicht immer gelingt und die Worte des anderen einfach in der Luft verpuffen, liegt meiner Meinung nach nicht nur am eigenen Stresslevel. Sondern auch an einer allgemein geringen Aufmerksamkeitsspanne, die man durch die ständige Berieselung durch sein Smartphone entwickelt.

Aber was bringen einem Treffen und Begegnungen, wenn doch jeder nur mit sich selbst beschäftigt ist? Ich möchte meinem Gegenüber nicht nur meine Zeit schenken, sondern auch meine Aufmerksamkeit. Jeder hat es verdient, dass man ihm zuhört.

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