Meinung
Leitartikel

Corona-Impfstoff: Sicherheit geht vor

| Lesedauer: 3 Minuten
Kai Wiedermann
Kai Wiedermann, Redakteur im Ressort Wissen.

Kai Wiedermann, Redakteur im Ressort Wissen.

Foto: Reto Klar

Gegen die wachsende Corona-Impfskepsis helfen Transparenz und Aufklärung.

Berlin. Was Mediziner, Pharmaindustrie und Zulassungsbehörden im Angesicht der Corona-Pandemie versuchen, ist einmalig. Mitte des nächsten Jahres, etwa 18 Monate nach den ersten Meldungen über eine neue, mysteriöse Lungenkrankheit in China, könnte es einen oder mehrere wirksame Impfstoffe geben.

Es wäre eine bemerkenswerte Leistung, an der Tausende Menschen über Grenzen hinweg mitgewirkt hätten. Und es wäre ein Signal der Hoffnung, nach dem sich viele Menschen sehnen.

Eine der größten Errungenschaften der Medizingeschichte

Impfstoffe sind keine Allheilmittel, aber sie gehören zu den größten Errungenschaften der modernen Medizingeschichte. Sie haben Krankheiten besiegt, an denen Millionen Menschen gestorben sind. Die Pocken wurden durch eine Impfung ausgerottet, Masern und Grippe zurückgedrängt. Die Liste lässt sich problemlos fortschreiben: Keuchhusten, Hepatitis, Tollwut, Mumps, Diphtherie, Wundstarrkrampf.

Der Erfolg eines Impfstoffs begründet sich vor allem in der Bereitschaft der Menschen, diesen zu nutzen. Nur wenn viele mitmachen, kann der Siegeszug umfassend sein. Dann spannt sich ein großer Schirm auf, unter dem wir Schutz finden. Der Geimpfte wird so mitverantwortlich fürs Kollektiv – Impfen als eine soziale Entscheidung. Und genau hier beginnen die Sorgen.

Denn Umfragen zufolge sinkt die Impfbereitschaft. In Europa und auch in Deutschland. Das hat sich an den Rückschlägen bei der Masern-Bekämpfung gezeigt. Und es zeigt sich bei der Haltung zu Corona. Wollten sich im April 70 Prozent der Deutschen auf jeden Fall gegen das Virus impfen lassen, wenn es einen Impfstoff gibt, waren es im Juni noch 61 Prozent. Ein Rückgang von neun Prozentpunkten innerhalb weniger Wochen. Das ist bedenklich.

Zulassung eines Impfstoffes ist eine komplizierte Sache

Große Sorgen bereitete den Befragten zweierlei: die Sicherheit und die Wirksamkeit des neuen Impfstoffes. Mögliche Nebenwirkungen sind angsteinflößend, Zweifel sind es auch. Und gepaart mit einer Skepsis oder Gleichgültigkeit gegenüber staatlichen Institutionen und deren Empfehlungen werden Menschen entweder unsicher oder sogar widerständig.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Die Gruppe der grundsätzlichen Impfgegner ist viel kleiner als die der Verunsicherten. Für die Akzeptanz einer möglichen Corona-Immunisierung ist das von großer Bedeutung, weil durch Transparenz und Aufklärung der Impfskepsis begegnet werden kann. Hier müssen die Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft ansetzen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Ärztinnen und Ärzten zu, aber auch den Krankenkassen, den Gesundheitsämtern, der Wissenschaft und den Pharmafirmen.

Die Zulassung eines Impfstoffes ist eine komplizierte Sache. Nicht nur medizintechnisch, sondern auch vonseiten der Behörden. Ein Antrag umfasst etwa eine halbe Million DIN-A4-Seiten. Im Normalfall dauert es Monate, die Daten zu prüfen. Was üblicherweise Zeit braucht, jetzt aber schnell gehen soll, produziert Nachdenken und Zweifel. Wichtig ist es zu erklären, warum die Dinge diesmal schnell gehen können, ohne schlecht zu sein.

Auch angesichts einer Corona-Pandemie mit einer unfassbar großen Anzahl von Todesopfern und weiterer schwerer Folgen muss die Sicherheit von Medikamenten und Impfstoffen ein hohes Gut bleiben. Die Zulassungsbehörden dürfen sich hier von niemandem unter Druck setzen lassen, auch nicht von der Politik. Ein Schludern könnte fürchterliche Konsequenzen haben. Es könnte die Impfskepsis weltweit beflügeln. Und damit ein dramatisches Risiko darstellen, das viele Millionen Menschenleben kosten könnte.

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