Meinung
Leitartikel

Corona und die neue Sicht aufs Reisen

| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

Foto: Reto Klar

Im Sommer 2020 ist alles anders. Vielen wird die ökonomische Bedeutung erst jetzt klar.

Hamburg. Bis Corona hatte das Wort Tourismus viel von dem Glanz früherer Tage verloren. Der Traum des Reisens wurde in der öffentlichen Debatte immer häufiger zum Albtraum verkehrt. Immer lauter erscholl die Kritik an den ökologischen Folgekosten, den sozialen Verwerfungen durch den Fremdenverkehr und dem sogenannten „Overtourism“, dem Gefühl mancher Einheimischer, von zu vielen Erholungsuchenden belagert zu sein. Einen Corona-Sommer später würden wir einiges dafür geben, diese Probleme schnell wiederzubekommen.

Auch Hamburg als Tourismusziel leidet immens unter dem Ausbleiben der Gäste: Mit den Absagen von Großveranstaltungen, dem kulturellen Stillstand und Zwangsschließungen von Clubs und Bühnen sind viele Gründe weggefallen, die Hansestadt zu besuchen. Der Einbruch trifft die Branche brutal – vom Miniatur Wunderland bis zur Hochkultur, vom Dialog im Dunkeln bis zum Rotlichtviertel.

Corona-Sommer: Den Süden trifft es noch härter als Hamburg

Viele Anbieter werden die Corona-Krise nicht überleben, das gas­tronomische und kulturelle Angebot der Hansestadt wird schrumpfen. Und uns beginnt zu dämmern: Die Busladungen vor den Musical-Theatern und die Besoffenen vom Schlagermove waren vielleicht doch nicht so schlimm.

Den Süden Europas trifft es vermutlich noch viel härter als die Hansestadt: Der Anteil des Fremdenverkehrs an der Wertschöpfung liegt in diesen Staaten deutlich höher – nach Zahlen der EU entfallen etwa in Kroatien 18,4 Prozent der Wirtschaftsleistung auf den internationalen Tourismus. Insgesamt hat der Fremdenverkehr in Südeuropa einen Anteil von 15 bis 25 Prozent, in manchen Ländern hängt jeder fünfte Job an den Reisenden.

Ohne Sommergeschäft droht Südeuropa eine Wirtschaftskrise

So dürfte die Wirtschaft in Italien oder Spanien noch heftiger einbrechen als die heimische. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft formulierte in seiner jüngsten Analyse: Ohne Sommergeschäft droht die Rückkehr der Wirtschaftskrise nach Südeuropa. Noch einmal dramatischer ist die Situation an weit entfernten Reisezielen wie in Thailand oder Ägypten.

So ist die Freude der Reisenden über einsame Strände, leere Restaurants oder kurze Wartezeiten zugleich das Leid der Anbieter – die Folgen sind noch nicht einmal absehbar. In Deutschland hingegen klagen viele Destinationen über einen Massenansturm von Reisenden – die bayerischen Seen sind so gut besucht wie nie, an vielen Zielen bilden sich lange Wartereihen. Wirtschaftlich aber sind das auch keine gute Nachrichten – denn viele Schlangen entstehen, weil Anbieter coronabedingt ihre Kapazitäten heruntergefahren haben.

Kabinenbahnen dürfen nur ein Drittel der Passagiere befördern, Führungen finden in Kleinstgruppen statt, die Gastronomie muss viele Tische stilllegen. In Deutschland mögen manche Ziele gut besucht sein – trotzdem brechen die Einnahmen weg.

Warum das Reisen so wichtig ist

Die ökonomische Dimension des Reisens wird sich vielen erst jetzt oder in naher Zukunft durch die Verheerungen der Corona-Krise erschließen. Die soziale Dimension hingegen spüren wir schon jetzt hautnah. Die Wochen des Lockdowns, die fordernde Mischung aus Heimarbeit und Beschulung der eigenen Kinder, die Angst vor der Zukunft haben Spuren hinterlassen und viele Menschen urlaubsreif gemacht. Selten war Reisen so wichtig, und zugleich war Reisen selten so schwierig.

Corona wird unsere Sichtweise verändern. Früher sagte man, Reisen bildet, es erweitert den Horizont und fördert den kulturellen Austausch. Wer diese Stärken kennt, kann die Schwächen noch immer bekämpfen. Langfristig kann der Einbruch 2020 uns sogar die Augen öffnen: Wir können die Exzesse des Massentourismus und manchen ökologischen Irrsinn in Zukunft abstellen.

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