Meinung
Leitartikel

Die Fehler am Krankenhaus Groß-Sand

| Lesedauer: 3 Minuten
Christoph Rybarczyk
Christoph Rybarczyk ist stellvertretender Leiter der Onlineredaktion beim Hamburger Abendblatt.

Christoph Rybarczyk ist stellvertretender Leiter der Onlineredaktion beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Zustand der Wilhelmsburger Klinik wirft viele unbequeme Fragen auf – auch an den SPD-geführten Hamburger Senat.

Für die Deutschen sind Krankenhäuser sehr spezielle Orte. Sie sind Institutionen, deren Bedeutung irgendwo zwischen dem germanischen Versammlungsplatz Thing und der idyllisch verklärten Dorfkirche liegt. Ein Krankenhaus verkörpert eine Idee, ein Heilsversprechen. Zwischen Mythos und Wahrheit hat die Fernsehunterhaltung die Serie geschaffen: die „Schwarzwaldklinik“, „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“, das „Hafenkrankenhaus“.

Es ist verblüffend, wie der reale Fall des abgewickelten Hafenkrankenhauses auf St. Pauli dem aktuellen von Groß-Sand in Wilhelmsburg ähnelt. Und es ist Zeit, dass an diesem Beispiel unbequeme Wahrheiten ausgesprochen werden.

Groß-Sand ist nicht überlebensfähig – doch es gibt Hoffnung

Das 200-Betten-Haus ist in derzeitiger Verfassung nicht überlebensfähig. Seit Jahren verweigert sich Groß-Sand tragfähigen medizinischen und wirtschaftlichen Konzepten. Wilhelmsburg ist eine Insel – und sieht sich offenbar auch sprichwörtlich so. Völlig losgelöst von der Entwicklung im Rest Hamburgs lässt sich keine Klinik mehr betreiben.

Die bauliche Substanz ist zum Teil bedenklich. Dem Trend zu ambulanten Leistungen, zu Kooperationen mit anderen Häusern und Praxisärzten ist man zu zögerlich gefolgt. Überall in Deutschland werden Häuser wie Groß-Sand abgewickelt. Das ist auch zum Teil im Sinne der Patienten. Zentren für bestimmte Eingriffe bringen eine höhere medizinische Qualität. Zweite unbequeme Wahrheit: Eine Kirchengemeinde kann ein Krankenhaus dieser Tage nicht mehr managen. Es fehlt an Know-how, es fehlt an Unterhändlern mit Kassen und Ärzten, es fehlt an Interessenvertretern in der Gesundheitspolitik. Hamburgs katholisches Erzbistum ist dazu ebenso wenig in der Lage. Immerhin: Der Bischofssitz hat sich hilfesuchend an Profis gewandt.

SPD: Scheinheilige Kümmerer

Drittens kann auch der Staat abseits von Universitätskliniken keine Krankenhäuser betreiben. So verständlich es ist, dass gerade in der Corona-Krise der Ruf nach ordnungspolitischen Eingriffen ertönt – die öffentliche Hand ist im Klinik-Management nicht die geschickteste. Auch das städtische Hafenkrankenhaus schlitterte so in die Krise. Der einstige Landesbetrieb Krankenhäuser war so marode, dass kein Experte heute ernsthaft dem Verkauf nachweint.

Die vierte unbequeme Wahrheit betrifft den Senat: Wie kann es sein, dass die Aufsicht über Jahre wegschaut und Groß-Sand in die existenzielle Krise schlafwandeln lässt? Selbst wenn es ein kirchliches Haus ist, so ist es doch Bestandteil des Bettenplanes. Ausgerechnet ein SPD-geführter Senat (seit 2011) vernachlässigte eine Sozialdemokraten-Hochburg. Wilhelmsburg ist aus dem Fokus der scheinheiligen Kümmerer geraten. Die ganze Stadt im Blick? Hier haben die Regierenden Nachholbedarf.

Auch die Patienten tragen eine Mitschuld

Fünftens haben die Patienten, tragen wir alle eine Mitschuld an Entwicklungen, die wir wortreich bejammern. Viele Menschen verlassen sich nicht mehr auf einen Hausarzt. Sie haben das Körpergefühl verloren, wackeln mit Bauchweh in die Notaufnahmen und ergoogeln sich Diagnosen ihres Unwohlseins. Gleichzeitig erwarten wir mit unserer Krankenkassen-Flatrate sofort und überall den Einsatz von Hightech-Geräten. Das ist unbezahlbar.

In Hamburgs Umland sterben die Kliniken weg, empathische Landärzte gibt es oft nur noch im Vorabendprogramm. Wir sollten uns daran gewöhnen, dass ein Umbruch wie in Groß-Sand unter Beteiligung von niedergelassenen Ärzten, Krankenkassen und hoffentlich einsichtigen Politikern noch eine letzte Chance ist. Die Krise dieses Traditionshauses ist eine Gefahr, aber auch eine gute Gelegenheit, Wilhelmsburg wieder auf die gesundheitspolitische Karte zu bringen.

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