Meinung
Leitartikel

Trügerische Lockerheit in der Corona-Krise

| Lesedauer: 3 Minuten
Andreas Dey
Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik.

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Die Aufhebung der Verbote in Hamburg überträgt den Bürgern viel Verantwortung.

Hamburg. Es ist ein Drahtseilakt, der so noch nie geprobt wurde. Angesichts der seit Wochen konstant niedrigen Infektionszahlen und der Tatsache, dass es in ganz Hamburg aktuell nur noch rund 70 bekannte Corona-Fälle gibt (also einer unter mehr als 25.000 Bürgern), konnte der Senat gar nicht anders, als jetzt den Hebel umzulegen und die im März angelegten Fesseln umfassend zu lockern.

Andernfalls hätte der jetzt schon immense Kollateralschaden in keinem Verhältnis mehr zum gesundheitspolitischen Nutzen gestanden. Kinder, denen monatelang Bildung und Kontakt zu Gleichaltrigen vorenthalten wird, Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs, vereinsamte Alte und Pflegebedürftige, Millionen Menschen in Kurzarbeit oder schon beim Arbeitsamt, einstmals kerngesunde Firmen am Rande der Pleite oder schon darüber hinaus, dazu öffentliche Haushalte mit Rekordverschuldung – das alles ließ sich nur im Angesicht einer Gefahr historischen Ausmaßes für Leib und Leben rechtfertigen.

Die gab es Anfang März, wie wir in Ländern wie Italien oder Spanien auf traurige Weise beobachten konnten. Aber die gibt es, auch weil in Deutschland vergleichsweise schnell und konsequent die richtigen Maßnahmen ergriffen wurden und die Bevölkerung mitzog, hier derzeit nicht mehr. Daher dürfen wir uns alle einmal auf die Schulter klopfen und uns etwas lockerer machen.

Auf der anderen Seite führen uns lokale Corona-Ausbrüche wie in den unsäglichen Fleischfabriken und Massenunterkünften des Herrn Tönnies vor Augen, dass das Virus noch da ist – und dass es jederzeit für eine neue Welle sorgen kann. Auch in Hamburg.

Man stelle sich vor, auf der komplett aus dem Rahmen gelaufenen Party im Zwick Ende Mai wäre eine infizierte und noch infektiöse Person gewesen. Dutzende hätten sich vermutlich angesteckt und Hunderte weitere infiziert, bevor es irgendjemand gemerkt hätte. Oder die im Berufsverkehr schon wieder proppevollen Bahnen und Busse: Auch dort können jederzeit Infektionsketten in Gang gesetzt werden – vor allem angesichts der Lässigkeit einiger Fahrgäste im Umgang mit der Maskenpflicht.

Dabei ist das der springende Punkt: Mit den nun erklärten Lockerungen legt die Politik die Verantwortung weitgehend in die Hände der Bürger. Je mehr Normalität wir zurückbekommen, desto mehr ist jeder Einzelne von uns gefragt, seinen Teil zur Eindämmung der Pandemie beizutragen: Hygieneregeln beachten, Abstand halten, Maske tragen – mindestens überall dort, wo es vorgeschrieben ist. Polizei und Behörden dürfen diese Regeln gern mit strengen Blicken durchsetzen. Alles ist besser als ein zweiter Lockdown.

Das führt zu einem anderen Pro­blem: Verantwortlich dafür ist in Hamburg Innensenator Andy Grote (SPD) – das ist der, der mitten in einer Pandemie mit 30 Gästen seine Wiederwahl gefeiert hat. Dass Bürgermeister Peter Tschen­tscher (SPD) nach zehn Tagen Schweigen nun endlich persönlich und öffentlich von einem Fehler sprach, der nicht hätte passieren dürfen, kam reichlich spät. Wohltuend klar war dafür seine Aussage, dass die Feier für ihn auch dann ein Fehler bleibe, wenn spitzfindige Juristen sie noch für legal erklären sollten.

Dass er Grotes Entschuldigung dennoch akzeptiert und an ihm festhält, ist keine Selbstverständlichkeit. Tschen­tscher verknüpft sein Schicksal ein Stück weit mit dem seines Innensenators und kann nur hoffen, dass dieser sich keinen weiteren Fehltritt leistet. Andy Grote muss seine schwer beschädigte Glaubwürdigkeit als Hüter über die Corona-Beschränkungen jetzt mühsam wieder aufbauen. Partys passen dazu nicht.

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