Meinung
Wilde Zwanziger

… und plötzlich diese K-Frage

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Ja, ich werde bald 28. Zeit, endlich an Kinder zu denken? In vielen Mädelsrunden geht es nur noch um das eine.

Hamburg. Wenn jemand hört, dass ich bald 28 Jahre alt werde, erlebe ich zwei Reaktionen. Entweder: „Hätte ich nicht gedacht, du siehst noch aus wie 18!“ Oder: „Oha, dann bist du ja fast 30!“ Die zweite Bemerkung höre ich am häufigsten. Sowohl von Gleichaltrigen als auch älteren Menschen, von Männern wie Frauen. Sie ist stets mit einem Unterton versehen und heißt übersetzt so viel wie: Du solltest dich ranhalten und bald mal loslegen mit dem Heiraten und Kinderkriegen. Denn auch im Jahr 2020, diesem emanzipierten Zeitalter, in dem wir leben, stellt die 30 im Leben einer jungen Frau immer noch die magische Altersgrenze dar. Im Idealfall sollte dann alles unter Dach und Fach sein – Mann, Kind, Bausparvertrag.

Mal davon abgesehen, dass mir noch mehr als zwei Jahre bleiben, bis ich wirklich 30 werde, tut mir die Zahl an sich überhaupt nicht weh. Das Problem sind die Erwartungen, die an sie geknüpft sind. Manch ein Außenstehender hört die biologische Uhr lauter ticken als man selbst. Wenn man als Frau um die 30 ist, wird man automatisch nach seiner Kinderplanung gefragt. Dabei setzen die meisten voraus, dass auch jede Frau ein Kind haben möchte. Mit Ende 20 werden die Nachfragen (oder Aufforderungen) von Kollegen, Freunden und Familienmitgliedern drängender. Mit Anfang 30 ist es höchste Eisenbahn, schwanger zu werden. Diese intime Entscheidung entwickelt sich immer mehr zur öffentlichen Angelegenheit. Über sie wird in großer Runde Small Talk geführt wie über das Wetter. Jeder gibt seinen Senf dazu.

Bei all den – oft gut gemeinten – Ratschlägen vergessen viele jedoch: Es gibt Frauen, die wollen gar kein Baby. „Das wirst du irgendwann bereuen“, wird ihnen dann prophezeit. Aber darf nicht jeder selbst über sein Leben bestimmen? Auch gibt es Frauen, die furchtbar gern Kinder hätten, aber keine bekommen können oder es schon seit Ewigkeiten ohne Erfolg probieren. Oder Frauen, die noch nicht den richtigen Partner gefunden haben. Oder sich schlicht nicht bereit fühlen. Niemand weiß, mit welchen inneren Dämonen ein Mensch zu kämpfen hat. Die K-Frage kann unglaublich verletzend sein. Vor allem aber löst sie bei vielen jungen Frauen eines aus: Druck. Und der bewirkt bekanntlich nichts Gutes.

Eine Freundin (29) erzählte mir neulich, ihre Mutter wünsche sich sehnlichst, mit ihr ein Brautkleid zu kaufen. Und sie möchte ein Enkelkind haben. „Aber ich habe doch gerade gar keinen Mann an meiner Seite“, entgegnete meine Freundin. „Dann sei doch nicht so wählerisch“, meinte ihre Mutter.

Worum geht es? Einmal im Leben im weißen Traumkleid zum Altar zu schreiten? Oder doch ums Glücklichsein?

In vielen Mädelsrunden wirkt es, als sei alles, was zähle, zu heiraten, Nachwuchs in die Welt zu setzen und ein Eigenheim zu bauen. Das macht man eben so. Frauen um die 30, die diese Ziele schon erreicht haben, vermitteln häufig den Eindruck, als seien sie über den Berg. Auf der anderen, der sicheren Seite. Sie haben es geschafft. Wie Wildlachse, die nach einer langen, beschwerlichen Reise durch den Pazifik in den Oberläufen der Flüsse ankommen, um zu laichen. Danach sterben sie, weil sie den Sinn ihres Lebens erfüllt haben.

Kinder sind wundervoll. Wenn mir das große Glück vergönnt ist, möchte ich eines Tages unbedingt so ein winziges Geschöpf, mit derselben Nase, wie ich sie habe, in den Armen halten. Aber ich finde den Druck, dem viele Frauen ausgesetzt sind, unerträglich. Selbst wenn wir unser Lebensmodell für das richtige halten, fühlt es sich nicht zwangsläufig für jeden genauso gut an. Und das müssen wir akzeptieren. Die eine Frau liebt den Anblick von ihren spielenden Kindern im eigenen Garten – die andere möchte lieber die Welt entdecken und bloß nicht sesshaft werden. Beide Frauen können glücklich sein.

Wir sollten endlich aufhören, Weiblichkeit mit dem Muttersein gleichzusetzen. Jede Frau ist einzigartig und richtig, wie sie ist. Ich bin verliebt, aber nicht verheiratet. Ich habe ein Dach über dem Kopf, es gehört mir aber nicht, denn ich wohne zur Miete. Ich wache nachts auf, weil ein Baby schreit, aber es ist nicht mein eigenes, sondern das meiner Nachbarin von oben. Ich bin 27 Jahre alt, und das ist mein Leben. Meins ganz allein.

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