Meinung
In eigener Sache

Warum so viele Anglizismen im Blatt sind

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Reto Klar

Jeden Montag gehen wir an dieser Stelle auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten ein.

Hamburg. Liebe Leserinnen und Leser,


es gibt nur wenige Dinge, die viele von Ihnen so ärgern wie Anglizismen – die Wonne der Deutschen, viele Dinge lieber auf Englisch zu sagen oder gar englisch klingende Wörter zu erfinden, die es eigentlich gar nicht gibt. Eine Fülle von sogenannten Scheinanglizismen hat längt unseren Alltag erobert: Das Funktelefon nennen wir Handy – ein Wort, das den Briten niemals in den Sinn käme, sie sagen „mobile phone“.

Schön ist auch das „Public Viewing“, das die Deutschen zum Sommermärchen 2006 erfunden haben – wir verstehen darunter das Fußballschauen in Gemeinschaft (Rudelgucken), für die Briten ist public viewing eine Leichenschau. Weil wir gerade dabei sind: Unser „Bodybag“ ist für die Insulaner einfach ein Leichensack.

In der Corona-Krise haben wir Deutschen es wieder geschafft, ein englisches Wort zu zweckentfremden. Wenn Sie einem Briten erzählen, Sie seien ins Homeoffice gewechselt, wird Ihr Gesprächspartner glauben, Sie arbeiteten fortan im Londoner Innenministerium (Home Office). Immerhin: Homeschooling, den guten alten Hausunterricht, gibt es auch im Englischen.

Insgesamt muss man aber die deutsche Sprache für eines der ersten Opfer von Corona halten. Mit einer geradezu grotesken Trägheit, eigene Begriffe zu prägen, gepaart mit einer seltsamen Lust auf (Schein-)Anglizismen, bewegen wir uns nun zwischen Homeoffice und Homeschooling (oftmals liegen diese nur Zentimeter auseinander), diskutieren aufgeregt über Shutdown und Lockdown, rufen zum Social Distancing auf. Weil Gesundheitspolitik und Marketing Hand in Hand gingen, hießen die Parolen fortan flattenthecurve/stayhome/take care. Auch wir haben diese Begriffe verwendet, weil sie inzwischen Teil der Debatte sind. Ob sie indes immer sinnvoll sind, darf bezweifelt werden.

Social Distancing beispielsweise ist nicht nur die falsche Sprache, sondern auch das falsche Begriffspaar. Denn es geht ja gerade nicht um soziale Distanzierung, Isolation oder Abgrenzung, sondern darum, Abstand zu halten! Wir dürfen die Großmutter besuchen – aber eben mit Abstand. Und vielleicht sollten uns Shutdown und Lockdown am Anfang auch nur ein wenig die Sorge nehmen, welche Folgen das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, der Stillstand, das Einfrieren haben. Interessanterweise diskutieren jetzt viele Medien wieder mit den deutschen Begriffen. Während der Shutdown im Englischen die Schließung eines Geschäftes oder einer Fabrik meint, beschreibt der Lockdown die Eindämmung oder Zugangsbeschränkung. In Wahrheit hat Deutschland sein gesellschaftliches und soziales Leben heruntergeregelt – oder für Freunde des Anglizismus: heruntergedimmt.

Nun verstehen wir es als unsere Aufgabe als Zeitung, die Verwendung von Anglizismen – zumindest da, wo sie unklar, modisch oder gar falsch sind – einzuschränken. So sehr sich viele Kolleginnen und Kollegen aber auch bemühen, ganz werden Anglizismen nicht zu verhindern sein; manchmal wird man Politiker zitieren müssen, und, ganz ehrlich, manchmal geschieht es auch aus Unachtsamkeit. Ein Drama ist das aber nicht.

Am Ende lebt die Sprache von den Menschen, die sie sprechen. Und damit liegt es an uns allen, ob wir Shutdown oder Stillstand, Homeschooling oder Hausunterricht, Homeoffice oder Heimarbeit sagen. Was beim ersten Mal seltsam klingen mag, wird irgendwann zur sprachlichen Normalität.

Immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Einblicke­ in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, freuen wir uns über Ihre E-Mail: chefredaktion­@abendblatt.de

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