Meinung
In eigener Sache

So arbeitet die Sportredaktion in Corona-Zeiten

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Laux

Immer montags wollen wir an dieser Stelle auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten eingehen.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

die Planung, wann welches Ressort über die Arbeit in Corona-Zeiten berichten soll, erfolgte bereits vor einigen Wochen. Doch welches Wochenende wäre besser geeignet gewesen als dieses, an dem der Ball wieder rollt?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen als TV-Zuschauer beim Betrachten des wohl seltsamsten Spieltags der Bundesliga-und Zweitliga-Geschichte erging: Die Emotionen aufzubauen ohne die Fans auf den Tribünen fiel extrem schwer. Die Kommandos der Trainer von der Seitenlinie oder die Ansagen unter den Spielern so klar und deutlich verstehen zu können, hatte jedoch einen gewissen Charme. Und auch für unsere beiden Reporter, die den HSV und den FC St. Pauli live im Stadion sehen durften, war es ein merkwürdiges, aber in jedem Fall unvergessliches Erlebnis in ihrem Berufsleben.

Pro Spieltag sind nur zehn Print- und Online-Journalisten zugelassen – da musste man froh sein, eine Akkreditierung erteilt zu bekommen – Kai Schiller durfte nach Fürth reisen. Mit einem normalen Arbeitstag hatte sein Einsatz allerdings wenig zu tun: Fiebermessen vor dem Eingang, keine Interviews nach dem Spiel in der Mixed-Zone, nur eine virtuelle Pressekonferenz, bei der eine (schriftlich gestellte) Frage pro Medium von den Trainern beantwortet wurde – und 45 Minuten nach Spielende musste mein Kollege den Sportpark Ronhof wieder verlassen, da bis Saisonende in den Arenen keine Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden können. Der Bericht zum Spiel, den Sie auf Seite 20 lesen, entstand deshalb im ICE während seiner Rückreise nach Hamburg.

Ein ähnliches Muster erlebte Carsten Harms, der für uns im Millerntor-Stadion die Partie des FC St. Pauli gegen den 1. FC Nürnberg verfolgte. Nur wenige Minuten nach dem Abpfiff fuhr er direkt wieder ins Homeoffice, um dort seinen Bericht zu verfassen. Mein Kollege Mirko Schneider wiederum schaute sich während der Partie im Stadtteil um, um zu erfahren, wie die Fans mit dem ersten Geisterspiel in Hamburg aller Zeiten umgehen würden.

Wie die anderen Ressorts auch hatten wir während der Corona-Krise unsere Arbeitsplätze komplett nach Hause verlegt. Mit dem Anlaufen der Fußballspiele ist nun zumindest eine minimale Präsenz in der Redaktion erforderlich. So verfolgten wir am gestrigen Sonntag zu zweit die Auftritte des HSV und des FC St. Pauli, um die Kollegen vor Ort zu unterstützen oder deren Texte zu produzieren. Angesichts des Zeitdrucks bei Abendspielen müssen wir beispielsweise auch das heutige Montagsspiel zwischen Werder Bremen und Bayer Leverkusen in der Redaktion besetzen.

Selbstverständlich sind wir im Sport froh, dass wir wieder über Livesport berichten können. Dennoch liegt eine ex­trem spannende und auch ereignisreiche Zeit hinter uns, über die wir sicher noch in einigen Jahren reden werden. Nach dem Ausbrechen der Pandemie gab und gibt es Fragen über Fragen, angefangen von den wirtschaftlichen Nöten der Proficlubs im Fußball, Handball und Basketball oder den Entwicklungen bei Großveranstaltungen, und davon hat Hamburg bekanntlich eine Menge: Marathon, Triathlon, Cyclassics, Ironman, Spring- und Dressurderby, Galoppderby in Horn und nicht zu vergessen das Tennisturnier am Rothenbaum, das noch auf einen Termin in diesem Jahr hofft.

Wichtig war uns aber auch, in dieser Phase nicht nur den Leistungs-, sondern genauso den Breitensport unter die Lupe zu nehmen und damit auf die konkreten Bedürfnisse unserer Leserinnen und Leser einzugehen. So haben wir während des Lockdowns in Kooperation mit Active City in einer zwölfteiligen Service-Serie Tipps gegeben, wie man sich – angemessen unter Beachtung der Einschränkungen – fit machen kann.

Oder nehmen Sie unsere heutige Reportage von Björn Jensen, der sich am Sonntag auf den Weg in den Stadtpark gemacht hat, um zu beobachten, wie die Hamburgerinnen und Hamburger nach den Lockerungen ihrem Sport nachgehen. Auch das sind Geschichten, die hängen bleiben und uns daran erinnern werden, häufiger das Sportgeschehen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Nein, langweilig geworden ist es uns nicht einen Tag in den vergangenen Wochen. Meine Kollegen haben in dieser Zeit mit viel Motivation und noch mehr Einsatz versucht, ein abwechslungsreiches Programm für Sie auf die Beine zu stellen. Kommuniziert haben wir, das ist an dieser Stelle von anderen Ressorts schon beschrieben worden, über eine Vielzahl an Telefon- oder Videokonferenzen. Unser Vorteil war dabei sicher, dass wir sowieso alle mit Laptops ausgestattet sind. Von außen Texte zu verfassen ist für uns Normalität.

Was aber zunehmend fehlt, ist der direkte Kontakt, der Austausch, das Brainstormen beim Entwickeln neuer Geschichten. Wie bei den Fußballprofis auf dem Rasen gilt auch für uns: Es funktioniert nur gemeinsam. Nur im Team.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung