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Die fünf Phasen der Ohnmacht

| Lesedauer: 2 Minuten
Lars Haider (l.) ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero".

Lars Haider (l.) ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero".

Foto: Laible/Cicero / HA

Ein E-Mail-Wechsel von Abendblatt und „Cicero“.

Hamburg. Christoph Schwennicke (r.), Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins „Cicero“, und Lars Haider, Chefredakteur des Abendblatts, pflegen eine E-Mail-Freundschaft, die wir jeden Sonnabend hier veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, wir müssen über die Demonstrationen und Verschwörungstheorien in Zeiten von Corona sprechen. Entsteht da eine neue Pegida-Bewegung?

Schwennicke: Die Sache jetzt hat das Zeug zu mehr. Es bereitet mir zunehmend Unbehagen, was sich da zusammenbraut. Das politische Spektrum ist viel breiter als das letzte Mal 2015, und die Sogkraft reicht bis weit hinein ins tief Bürgerliche.

Haider: Wie erklärst du dir das?

Schwennicke: Ich erkläre mir das Phänomen mit dem Gefühl der Ohnmacht. Da gibt es diesen verdammten Winzling, ein nanomillimetergroßes Irgendwas, kein Tier, keine Pflanze, das das höchstentwickelte Wesen der Welt plötzlich in seiner vermeintlichen Allmacht und Freiheit einschränkt, ja von ihm die Herrschaft übernommen hat. Es gibt ein Standardwerk einer berühmten Psychologin über die fünf psychischen Phasen bei Sterbenskranken, die auch ein Ohnmachtsgefühl dem Tod gegenüber verspüren. Die erste Phase ist der Schock, die zweite ist die Wut. In genau der sind jetzt viele. Leider immer mehr.

Haider: Die Wirtschaftskrise wird die Zahl der Unzufriedenen erhöhen. Keine Ahnung, wie sich das bis zur Bundestagswahl entwickelt ... Hast du eine?

Schwennicke: Ich setze auf die Besonnenheit der großen Mehrheit. Dafür gibt es ja auch Indizien, wie etwa, dass die beiden Volksparteien in der Gunst steigen, die eine mehr als die andere, aber daran ist die SPD selbst schuld. Es sind zugleich verdammt viele Brandstifter und Scharlatane unterwegs. Und die Leute hocken zu Hause, ziehen sich das Zeug bei Facebook rein. Facebook und Co. sind schlimme Virenschleudern.

Haider: Und je weniger schlimm das Virusgeschehen ist, desto stärker werden die Verschwörungstheorien werden, nach dem Motto: Die ganzen Maßnahmen waren ja völlig übertrieben.

Schwennicke: „Präventionsparadox“ heißt das: Du machst was, es wirkt, und hinterher kommen die ganz Schlauen und sagen: Siehste, ist ja gar nix passiert. War alles überflüssig und falsch.

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