Meinung
Leitartikel

Die solidarische Stadt in Zeiten der Not

| Lesedauer: 4 Minuten
Sabine Tesche
Sabine Tesche leitet das Ressort „Von Mensch zu Mensch“

Sabine Tesche leitet das Ressort „Von Mensch zu Mensch“

Foto: Andreas Laible / HA

In Zeiten von Corona wächst die Armut – aber auch die Bereitschaft zu helfen.

Hamburg. Am Anfang war es nur eine Idee, dass die Vergabe von Lebensmittelgutscheinen eine schnelle und unbürokratische Hilfe für Hamburger sein könnte, die wegen Corona in Not geraten sind. Der Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ hat mit Kleidungsgutscheinen für Bedürftige seit Jahren gute Erfahrungen gemacht. Auch deswegen, weil diese den Empfängern ermöglichen, selbst auszuwählen, was sie benötigen. Es ist eine würdevolle Möglichkeit, direkt zu helfen. Aus dem Aufruf des Abendblatts, für 25-Euro-Gutscheine zu spenden, ist eine breite Welle der Solidarität entstanden – und neue Partnerschaften sowie Kontakte zu mehr als 220 sozialen Einrichtungen in der Metropolregion.

Diese Aktion hat den Nerv der Hamburger getroffen: Viele haben nicht nur selber erfahren, wie die Pandemie ihr Leben beeinflusst, sondern auch in ihrem Umfeld erlebt, wie daraus existenzielle Not entstehen kann. Wenn plötzlich kein oder nur noch ein geringes Einkommen fließt, aber die Fixkosten bleiben, ist manchmal schon Mitte des Monats kein Geld mehr da für Lebensmittel. Ein oder zwei Gutscheine können keine Familie dauerhaft retten, aber die Geste hat vielen Menschen Mut und Kraft gegeben – und das Gefühl, diese Krise nicht alleine durchstehen zu müssen.

Viele soziale Einrichtungen meldeten ihren Bedarf beim Abendblatt-Verein

So drückt es Ulfert Sterz, Pastor in St. Georg/Borgfelde, aus. An ihn haben sich etliche Bürger mit der Bitte um Gutscheine gewandt, die in ihrem Leben nie zuvor um Hilfe gebeten hatten und sich deswegen sogar schämten. Das berichten viele Pastorinnen und Pastoren aus mehr als 60 Kirchengemeinden, die Gutscheine erhalten haben, darunter auch aus Groß Flottbek, Duvenstedt und Sasel. Das zeigt: Die Armut ist in allen Stadtteilen angekommen. Auch viele soziale Einrichtungen meldeten ihren Bedarf beim Abendblatt-Verein. Die Mitarbeiter konnten mit den Gutscheinen ihre Klienten weiter versorgen, darunter vor allem bedürftige Familien, Menschen in Kurzarbeit, Alleinerziehende, Kranke und Obdachlose.

Gerade Letztere sind durch die Pandemie in besondere Nöte geraten, etliche hungern an den Tagen, an denen sie keine Versorgung von Suppenküchen bekommen. Denn ihr Zubrot, das Betteln und das Sammeln von Pfandflaschen, entfällt, wenn die Stadt zum Erliegen kommt. Das Fatale am Shutdown war auch, dass die soziale Realität bei vielen Bürgern im Homeoffice aus dem Blick gerät – was in der Stadt passiert, fällt weniger auf. Es ist kaum zu fassen, dass Menschen in einer reichen Stadt wie Hamburg hungern müssen.

Viele Tafeln sind seit Wochen zu, die Kinder nur noch zu Hause

Es gibt etliche Hartz-IV-Familien, die zur Monatsmitte nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollen. Es sind Menschen, die sich bisher auf ein System mit kostenlosem Schulessen und der Versorgung durch die Tafeln verlassen haben und nur so mit dem knapp bemessenen Arbeitslosengeld hinkamen. Viele Tafeln sind seit Wochen zu, die Kinder nur noch zu Hause. Vielleicht kann man mit Hartz IV auskommen, wenn man gelernt hat, mit billigen Waren zu kochen und sparsam zu leben. Doch wenn Obst und Gemüse plötzlich teurer werden und Kinder, die wachsen, ständig Hunger haben, reicht das Geld vom Staat nicht mehr.

Diese Krise zeigt, dass zu viele Hamburger von Spenden abhängig sind. Das ist eine Erkenntnis dieser Hilfsaktion. Die andere, wunderbare Erkenntnis ist, dass die Hamburger helfen wollen: Rund 9600 Menschen haben für die Abendblatt-Aktion gespendet. Insgesamt hat der Verein gemeinsam mit Radio Hamburg 1.335.000 Euro gesammelt. 53.400 Gutscheine konnten verteilt werden.
Alle, die mitgemacht haben, können stolz sein. Sie haben bewiesen, dass Hamburger in der Not zusammenhalten.

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