Meinung
Leitartikel

Ein trauriger Muttertag in Zeiten der Corona-Krise

Yvonne Weiß  ist Chefreporterin des Hamburger Abendblatts und hat zwei Kinder (4 und 8 Jahre alt).

Yvonne Weiß ist Chefreporterin des Hamburger Abendblatts und hat zwei Kinder (4 und 8 Jahre alt).

Foto: Ha / HA

Kinder haben keine Lobby – und das trifft die Eltern derzeit mit voller Wucht. Wie die Politik die Kinder unterschätzt.

Hamburg. Frauen und Kinder zuerst. So lautete der Verhaltenskodex. Ich frage mich, wieso es nun plötzlich heißt: Friseure und Fußballer zuerst. Ich freue mich für jeden grauen Haaransatz, der seit Montag wieder farbenfroh erstrahlen darf und über jeden Fan, der bald Millionäre in Stollenschuhen anfeuert.

Aber welches Signal gibt die Politik den Eltern mit dieser Priorisierung? Haltet noch ein bisschen durch, wir kümmern uns jetzt erst mal um Schönheit und Hobbys und dann erst um Bildung und Fürsorge? Schon gut, nicht aufregen, mir sind die wirtschaftlichen Notwendigkeiten durchaus bewusst, und ich unterstütze jede Lockerung, die Arbeitskräfte erhält. Aber es kann kein Zufall sein, dass seit Beginn der Krise stets zuletzt an die gedacht wurde, die noch kein Wahlrecht besitzen.

Am Sonntag ist Muttertag, doch was sollen wir feiern? Dass wir jetzt alle einen Zweitjob als Lehrerin haben? Dass wir unsere Expertise im Trinken ausbauen durften? Dass wir trotz all der „Wer arbeitet wann“-Diskussionen noch nicht geschieden sind? Eine Freundin von mir meinte kürzlich, sie würde sich bald von ihrem Mann trennen, weil sie als Alleinerziehende einen Anspruch auf die Notbetreuung in der Kita habe. Es war ein Scherz. Glaube ich.

Harter Alltag vieler berufstätiger Mütter

Der Alltag vieler berufstätiger Mütter sieht gerade so aus: Sehr früh aufstehen, um mindestens drei Stunden vor dem Aufwachen der Kinder schon mal das Homeoffice zu rocken, dann Nachwuchs, Haushalt, Job-Telefonate, Homeschooling und nach dem Schlafengehen der Kleinen wieder Arbeit. Alternativ investieren wir die Hälfte unseres Gehalts in einen Babysitter. Die andere geben wir für wirklich wichtige Dinge aus. Weißwein. Aperol Spritz. Noch reden wir vergnügt darüber, wie viel Alkohol wir alle derzeit trinken, wirklich lustig ist es nicht.

Die als großer Erfolg verkündete Aussicht, unsere Kinder könnten bis zu den Sommerferien mindestens einen Tag pro Woche wieder in die Schule gehen, zeigt, wie sehr die Politik die Eltern über- und die Kinder unterschätzt. Natürlich, für unsere Kinder machen wir alles, deshalb wird auch diese Nicht-Lösung am Ende funktionieren.

Grundschülern mehr zutrauen

Aber setzt nicht mehr auf unser Verständnis. Fußballer dürfen Zweikämpfe hinlegen, aber Grundschülern wird nicht zugetraut, in den Pausen voneinander Abstand zu halten? Die können sogar viel mehr, wie man in den 4. Klassen bereits beobachten darf. Wenn einer auf Toilette muss, dann stehen drei wie selbstverständlich auf, um den Weg so breit wie möglich zu machen. Vorbildlich – versus Salomon Kalou! Zugegeben, ein populistisches Manöver meinerseits, aber nur aus der Not heraus, denn anders als die Bundesliga hat Deutschlands Zukunft scheinbar keine Lobby. Dabei schultern die Kinder die Isolation von ihren Freunden und die neuen Regeln besser als viele Erwachsene. Sogar meine vierjährige Tochter weiß inzwischen, wie lang 1,5 Meter sind und warum man beim Händewaschen doppelt „Happy Birthday“ singen muss: „Mindestens zwei Lieder, dann erst sind alle Viren weg, Mami.“

So, und das waren nur die Luxusprobleme. Denn wenn wir unsere Blase verlassen, dann treffen wir auf Familien, in denen mittags kein Essen auf dem Tisch steht und in denen die aktuellen Herausforderungen nicht durch Gespräche gelöst werden, sondern durch körperliche Gewalt und psychischen Druck. Dieses Leid der Kinder sieht keiner; man hat ihnen einen sicheren Ort genommen, an dem es bemerkt werden könnte, an dem man ihnen etwas beibringt und sie verpflegt. Jeder Tag, an dem Kitas und Schulen für alle Altersgruppen eher öffnen, wird ein Feiertag sein. Dieser Muttertag ist jedenfalls keiner.