Meinung
Leitartikel

Coronavirus: Der Druck auf die Politik steigt

| Lesedauer: 4 Minuten
Stephan Steinlein

Foto: HA / Mark Sandten

Die wenigen Lockerungen der Coronaregeln enttäuschen viele. Doch Gesundheit geht vor.

Hamburg. Vermutlich geht es Ihnen in den Unterhaltungen zu Hause, in den Telefonaten mit Freunden oder bei der Arbeit genauso wie uns in der Redaktion, wenn das Gespräch – irgendwann automatisch – beim Thema Corona und den weiterhin strengen Regeln für das soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben landet: Sie können sich nicht darauf einigen, was richtig ist.

Das ist bei uns nicht anders als bei Ihnen. Schwer zu sagen, wo genau die Linie zwischen lockern und beibehalten verläuft, aber gefühlt dürfte sie einmal durch die Mitte der Gesellschaft gehen. Die eine Hälfte ist für rasche Lockerungen, um die Wirtschaft wieder hochzufahren oder die Probleme mit der Kinderbetreuung zu lösen, während die andere genauso leidenschaftlich für ein „Weiter so“ plädiert, um den Gesundheitsschutz hochzuhalten. Nicht anders sieht es in der Politik aus, nicht anders in Medizin und Wissenschaft.

Corona-Lockerungen? Die meisten strengen Regeln sind richtig!

Ich bin einer von denen, die es richtig finden, dass die strengen Regeln noch weiter gelten, jedenfalls die meisten von ihnen. Insofern ist aus meiner Sicht die jüngste Entscheidung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten, mal abgesehen von ein paar Nachjustierungen für Museen, Zoos, Gotteshäuser und Spielplätze keine weitreichenden Lockerungen zuzulassen, bitter für alle Betroffenen, verständlich vor dem Hintergrund des Infektionsgeschehens.

Die Hoffnungen waren groß, die Enttäuschungen am Donnerstagabend um so größer, als Bundeskanzlerin Merkel und die beiden Ministerpräsidenten Tschentscher und Söder nach hartem Ringen lediglich Kleinigkeiten (aus volkswirtschaftlicher Sicht) wieder erlaubten. Hotellerie und Gastronomie hatten zumindest auf einen Termin gehofft, um den Neustart ihrer Betriebe verlässlich planen zu können. Elternverbände hatten vehement einen Zeitplan für die Wiederöffnung der Kitas gefordert oder auf eine Ansage gehofft, wann der Unterricht an den Grundschulen wieder beginnen kann.

Vorwurf: Die Wirtschaft wird an die Wand gefahren

Die Deutsche Fußballliga stand in den Startlöchern,um am 9. Mai mit Geisterspielen loszulegen. Nichts da. Kitas, Schulen, Bundesliga – alles vertagt auf die nächste Runde der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten am 6. Mai.

Der Druck, der von Unternehmensverbänden, Eltern-Vertretungen, Opposition, Medien oder Lobbyisten ausgeht, ist gewaltig. Ein Vorwurf lautet, wegen einseitiger Fixierung auf den Gesundheitsschutz die Wirtschaft an die Wand zu fahren. Es wird für die Politik zunehmend schwieriger, sich den massiven Forderungen nach Lockerungen zu widersetzen.

Denn die Ziele, für die die strengen Coronaregeln gemacht wurden, sind längst erreicht: Der Reproduktionsfaktor ist kleiner als 1; die Kliniken sind mit der Behandlung der Patienten sogar unterfordert; die Verdopplung der Infektionszahlen ist inzwischen keine Frage von Tagen, sondern von Monaten.

Coronavirus: Das Risiko einer zweiten Welle

Der Zusammenhang, der so schwer einzusehen und so leicht zu übersehen ist: Die Zahlen sind deshalb so gut, weil bei uns Kontaktsperre und Abstandsregeln gelten, weil wir inzwischen eine Maskenpflicht haben, weil wir das öffentliche und geschäftliche Leben soweit heruntergefahren haben, dass es weh tut; weil die Krankenhäuser ihre Intensivmedizin massiv ausbauen konnten und weil wir so das Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen gebracht haben.

Die entscheidende – und höchst undankbare – Aufgabe von Merkel, Tschentscher und Co. ist es, erst einmal das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu behalten. Auch, wenn die dazu nötigen radikalen Maßnahmen immer schwerer zu vermitteln sind.

Ungeduld und Unzufriedenheit steigen. Aber auch das Risiko einer zweiten, noch viel schlimmeren Welle, wenn die Politik diesem Druck zu früh nachgibt.

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