Meinung
Leitartikel

Hamburgs Wirtschaft muss neu aufgestellt werden!

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Oliver Schade
Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Nach der Krise sollte die Stadt ihre Branchenstruktur überprüfen. Ein Blick zurück könnte dabei helfen.

Wer darauf gehofft hat, dass Hamburgs Wirtschaft lediglich mit ein paar Schrammen durch die Coronakrise kommen wird, dürfte spätestens in dieser Woche aus seinen Wunschträumen gerissen worden sein – und zwar mit brachialer Gewalt. Denn der Brief, den Airbus-Chef Guillaume Faury an seine weltweit 134.000 Mitarbeiter geschrieben hat, ist an Dramatik und Emotionalität kaum zu überbieten.

Der Franzose formuliert dort mit schonungsloser Offenheit, dass der Flugzeugbauer mittlerweile um sein Überleben kämpft – und bereitet die Beschäftigten auf den Abbau von Arbeitsplätzen vor. Airbus liegt am Boden: das Unternehmen, das in den vergangenen Jahren für immer neue Produktionsrekorde stand und in Hamburg eine Jobmaschine war.

Fast 15.000 Arbeitsplätze hat das Werk auf Finkenwerder, dazu kommen Tausende Jobs bei Zulieferfirmen. Und wenn man über die Krise in der Luftfahrtbranche schreibt, darf man mit Blick auf Hamburg die Lufthansa mit ihrer Technik-Tochter sowie den Flughafen nicht vergessen: Zusammen kommt man so schnell auf mehr als 40.000 Beschäftigte in der Metropolregion, die nun vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Corona stürzt Hamburgs Wirtschaft in die Krise

Denn nicht wenige Experten erwarten, dass sich die Luftfahrtbranche – wenn überhaupt – frühestens in zehn Jahren wieder auf Vorkrisenniveau befinden wird. Das industrielle Standbein der Hamburger Wirtschaft ist morsch, und bei anderen wichtigen Produzenten wie den beiden Gabelstaplerherstellern Still und Jungheinrich knirscht es ebenfalls hörbar.

Auch der Hafen, die zweite wichtige Stütze des Wohlstands unserer Stadt, muss sich auf einen längeren Abschwung einrichten. Denn solange die weltweite Nachfrage nach Gütern im Zuge der Coronakrise am Boden liegt, wird der Warenumschlag über Europas drittgrößten Hafen mit einem deutlichen Rückgang an Arbeit zu kämpfen haben. Der langsame Bedeutungsverlust in den vergangenen Jahren könnte durch Covid-19 kräftig Fahrt aufnehmen.

Und auch die einst so stabile Säule der vom Tourismus geprägten Dienstleistungen (Einzelhandel, Gastronomie, Hotellerie und Kulturbetriebe) ist auf die Stärke eines Zahnstochers geschrumpft. Hamburgs Wirtschaft wankt; dass sie nicht fällt, ist vor allem den finanziellen Hilfen des Staates sowie der Kreativität seiner Unternehmer und Manager zu verdanken.

Hamburgs Wirtschaft ist nicht zukunftsfähig

Klar ist aber auch, dass es eine Zeit nach Corona geben wird. Und spätestens dann müssen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sich zusammensetzen, über die Lehren aus der Krise reden und hoffentlich die richtigen Schlüsse für die Folgejahre ziehen. Die zentrale Frage dabei lautet: Ist Hamburgs Wirtschaft noch zukunftsfähig aufgestellt? Und die Antwort lautet: Nein! Die Stadt muss sich deutlich fitter machen für die nächsten Herausforderungen, die nach Covid-19 auf sie und ihre Bürger warten.

Der Blick zurück könnte helfen: Seit der Finanzkrise 2008/2009 schrumpfen sich die Banken in der Stadt gesund. Tausende von Stellen sind verloren gegangen – und ein Ende des Aderlasses ist nicht in Sicht. Aber wo waren und sind die Ideen, um diese gut bezahlten Stellen zu ersetzen? Den Trend zu neuen, digitalen Finanzdienstleitungen hat die Hansestadt nahezu komplett verschlafen.

Hamburg braucht nach Corona einen Masterplan, der eine größere Vielfalt an Branchen begünstigt und gerade die Forschung, Entwicklung und Produktion im medizinischen Bereich deutlich stärkt. Denn der Gesundheitssektor wird als Wirtschaftsfaktor weltweit an Bedeutung gewinnen – unabhängig davon, ob sich eine weltweite Epidemie wie mit Covid-19 womöglich bald wiederholen wird oder nicht.

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